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Judentum und Israel
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Herzl hielt die Sicherung der rechtlichen Grundlagen für einen Judenstaat für das erste Ziel. In seinen Bemühungen um internationale politische Zustimmung versuchte er unter anderem, den deutschen Kaiser Wilhelm II. zu treffen, von dem er sich Zugang zum Hof des türkischen Sultans erhoffte. Über den Herzog von Baden gelang es Herzl schließlich, eine Zusage für ein Zusammentreffen mit dem Kaiser während dessen Reise nach Jerusalem zu bekommen. Zuvor weilte der Kaiser nach Kuschta, wohin auch Herzl reiste und mit Wilhelm II. erstmals zusammentraf. Daraufhin machte sich Herzl mit Max Bodenheimer, Moritz Schnirer, David Wolffsohn und Ing. Seidener auf den Weg nach Palästina. Die folgende Niederschrift aus Herzls Tagebuch berichtet von der Reise.

Theodor Herzl:
Tagebucheintragungen zur Reise nach Palästina
(27. Oktober 1898 - 5. November 1898)

27. Oktober, Rischon le-Zion, 6 Uhr morgens.

In diesen sonnigen Tagen der Meerfahrt wurde nichts eingetragen. Es waren halkyonische Tage. Alle Merkwürdigkeiten zogen an der unbewölkten Seele vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen. Und es waren doch merkwürdige Dinge: das Schiff nach Alexandrien, diese schwimmende kosmopolitische Stadt, die vom Viehmarkt bis zum französischen Salon so mancherlei enthielt. Smyrna, malerischer Schmutz und varia miseria, verschiedenes Elend in roten, gelben, blauen Farben. Juden, Aschkenasim und Sephardim, aus aller Herren Ländern in diese kleinasiatische Stadt verschlagen. Und wieder über das weinfarbene Meer, an epischen Inseln der Griechen vorbei, nach dem Piräus, der eine Enttäuschung ist. Im Staub hinauf nach der Akropolis, die uns auch nur so viel sagt, weil die klassische Literatur so stark war. Macht der Literatur ! Dann durch Athen in Minuten gestürmt, die doch zu genügen schienen für die moderne Stadt.

Abends auf dem Schiff mit dem französischen Schriftsteller René Bazin lange gesprochen. Ich urteilte nicht weich über die Franzosen. Ich sagte ihm u. a., eine starke Literatur könne auch schwache Ideen in der Welt verbreiten. Andererseits können starke Ideen (wie die staatsreformatorischen des XVIII. Jahrhunderts) auch einer matten Literatur die Weltverbreitung geben. Aber das jetzige Frankreich habe weder große Ideen noch ein großes Schrifttum.

Die Franzosen Bazin, Lamy, Mille usw. schrieben die ganze Zeit Eindrücke auf. Ich nicht. Es tut mir jetzt leid; aber die Seele muß auch ihre Brachwochen haben, um wieder fruchtbar zu werden. Und ich habe so viele Aktionen vor mir, daß ich es mir verzeihen kann, wenn ich keine literarischen Früchte aus meiner Reise ziehe.

Heiße Tage in Alexandrien und Port Said. Alexandrien zeigt, wie eine kluge europäische Verwaltung auch aus dem heißesten Boden eine bewohnbare komfortable Stadt ziehen kann.

In Port Said habe ich den Suezkanal sehr bewundert. Der Suezkanal, diese schimmernde Wasserlinie nach der Unendlichkeit gezogen, hat mir viel mehr imponiert als die Akropolis. Menschenleben und Geld wurden ja beim Suezkanal geraubt und verschwendet, aber doch ist der kolossale Wille, der diesen einfachen Gedanken des Sandabgrabens ausführte, zu bewundern. Bei Panama war dieser Wille schon senil; daran, nicht an den natürlichen Hindernissen, ist offenbar das zweite Werk gescheitert.

In den letzten beiden Nächten, die wir auf dem kleineren Schiffe "Russia" (von Alexandrien her) verbrachten, war es nachts in der Kabine, die wir selbfünft bewohnten, unerträglich heiß. Ich ging schon um drei Uhr morgens aufs Verdeck. In der letzten Nacht schlief ich gar von Mitternacht ab à la belle étoile. Das Meer war nachts und morgens wunderbar still und verschiedenartig schimmernd. Als es hell wurde, begannen wir nach der jüdischen Küste auszuspähen. Gegen sieben Uhr wurde der erste Streifen, zwei Bergpünktchen rechts, von Wolffsohn konstatiert. Mit gemischten Gefühlen näherten wir uns dem Lande unserer Väter. Sonderbar, welche Gefühle dieses öde Land in den meisten Menschen aufrührt: in dem alten deutschen Pastor aus Südafrika, in dem russischen Muschik der übelriechenden dritten Klasse, in den Arabern, die seit Konstantinopel mitfahren, in uns Zionisten, in dem armen rumänischen Judenweib, das zu ihrer kranken Tochter nach Jeruscholajim will und befürchten muß, mit ihrem rumänischen Paß zurückgewiesen zu werden. In diesem Falle ist übrigens auch unser Genosse Seidener mit seinem russischen Paß.


Herzl und die zionistische Delegation an Bord auf dem Weg nach Jaffa

Die Landung gestaltete sich so recht unbehaglich, als Jaffa in Sicht kam. Ich traf für alle Fälle meine Dispositionen, wenn uns die türkischen Hafenbehörden nicht passieren lassen sollten. Ich bereitete eine Depesche an den Kaiser vor, worin die Schwierigkeiten, die man uns bereitete, angezeigt wurden. Es kam anders. In dem großen Cook-Boot, in das ich auch das rumänische Weib hatte einsteigen lassen, erfuhr ich, daß deutsche Polizeileute an der Landungsstelle wären. Ich sprang ans Land, und während die türkischen Polizisten in unseren Teskerehs herumschnüffelten, nahm ich den deutschen Beamten beiseite, sagte ihm, wir seien auf Befehl des Kaisers hier; man möge die fünf weißen Korkhelme sofort passieren lassen. Dies geschah. Die rumänische Frau übergab ich der Mme. Gaulis, der Frau eines französischen Journalisten, die im nächsten Boot saß: die solle sie als ihre Dienerin ausgeben. Mme. Gaulis tat so, die arme Alte hielt sich am Kleide der Französin an und schlüpfte so durch den Kordon durch — und war so glücklich, in Palästina zu sein, wo sie ihre todkranke Tochter besuchen wollte. Was es für Glück gibt!

Und wir waren in Jaffa!

Wieder Armut und Elend und Hitze in lustigen Farben. Durcheinander in den Straßen, im Hotel, kein Wagen zu bekommen. Ich saß schon auf einem Pferde, um nach Rischon zu reiten, stieg aber wieder ab, als Dr. Joffe eine Fahrgelegenheit verschaffte.

Wir fuhren — bei fürchterlicher Hitze — zuerst nach Mikweh Israel. Das ist eine vorzügliche Ackerbauschule. Am Tor Schmuck für den Kaiser, der morgen hier vorbei nach Jerusalem fährt. Ich will versuchen, ihn zum Besuch der Anstalt zu bewegen.

Von Mikweh durch die arabisch verwahrloste Landschaft nach dem vielgepriesenen Rischon le Zion. Für ein armes Dorf ist es ein ziemlich wohlhabender Ort. Aber wenn man sich mehr als eine arme Niederlassung vorgestellt hat, ist man enttäuscht. Tiefer Staub auf den Wegen, ein wenig Grün.

Der Administrator empfing uns mit feiger Miene, wagte offenbar weder liebenswürdig, noch unliebenswürdig zu sein. Über allem schwebte die Angst vor dem Herrn Baron in Paris. Die armen Kolonisten haben eine Angst mit der andern vertauscht. Man zeigte uns umständlich die Weinkellereien. Aber daran habe ich nie gezweifelt, daß man mit Geld wo immer industrielle Etablissements errichten könne. Mit den Millionen, die hier in den Sand gegossen und gestohlen und verschwendet wurden, hätte sich ganz anderes erreichen lassen.

Inzwischen hatte sich die Kunde von unserem Eintreffen im Ort verbreitet. Eine Deputation kam, mich ins Beth Haam bitten. Musik, leider nur gut gemeinte, empfing uns. Wieder ein Spalier von Gesichtern, die ich in London, Berlin, Brünn, überall gesehen habe. Einer hielt eine Ansprache, worin er die Pflichtschuld gegen den Herrn Baron mit der Liebe zu mir in einen ebenso unmöglichen Einklang zu bringen versuchte, wie der Kapellmeister die Flöte und die Violine. Die große Trommel mußte alles bedecken. Ich sprach auch ein paar Worte, riet ihnen, dem Baron dankbar zu sein, obwohl er nicht dasselbe wolle wie ich.

Dann besah ich das Haus eines Kolonisten, der reüssiert hat. Große Räume, immerhin wohnlich. Aber welke Gesichter.

Dann sah ich das Haus der Arbeiter, die auf Taglohn kommen. Holzpritschen mit Misere.

Zum Schluß sprach ich mit dem Arzt der Kolonie, Dr. Mazie. Der schenkte mir reinen Wein ein. Fieber!

Die Kolonien leiden alle am Fieber. Nur durch großartige Drainagen, Entsumpfungen ließe sich das Land bewohnbar machen.

Das ist auch meine Ansicht und Absicht.

Das wird Milliarden kosten und Milliarden neuer Werte schaffen! Als Arbeiter wären solche Araber zu verwenden, die gegen das Fieber immun sind.

 

Jerusalem, 29. Oktober.

Schluß der Ansprache an den Kaiser:

Das ist das Vaterland von Ideen, die nicht einem Volke, nicht einer Konfession ausschließlich gehören. Je höher die Menschen in der Gesittung steigen, um so deutlicher erkennen sie das Gemeinsame in diesen Ideen. Und so ist auch aus der wirklichen Stadt Jerusalem mit ihren schicksalsvollen Mauern längst eine symbolische Stadt geworden, die allen Kulturmenschen heilig ist.

Ein Kaiser des Friedens zieht mächtig ein in die ewige Stadt. Wir Juden grüßen Ew. Majestät in diesem hohen Augenblick und wünschen dabei aus tiefster Brust, daß ein Zeitalter des Friedens und der Gerechtigkeit anbrechen möge für alle Menschen. Auch für uns.

 

29. Oktober, Jerusalem.

Die Ansprache mit folgendem Begleitbrief an August Eulenburg geschickt:

Ew. Exzellenz

beehre ich mich ganz ergebenst in der Beilage die Ansprache der zionistischen Abordnung zu überreichen. Die von Sr. Majestät dem Kaiser gewünschten Änderungen oder Dessen hohe Zustimmung bitte ich mir gütigst bei der Rücksendung des Manuskriptes bekanntzugeben. Ich werde es in der Audienz in der anbefohlenen Weise vorlesen.

Zugleich bitte ich um freundliche Mitteilung des zum Empfang der Abordnung bestimmten Tages und der Stunde.

Genehmigen Ew. Exzellenz die Ausdrücke der ausgezeichnetsten Hochachtung

Ihres ganz ergebenen

Dr. Th. H.

 

29. Oktober, Jerusalem.

Ich muß die Begebenheiten seit vorgestern, seit wir Rischon le-Zion verließen, nachtragen. Wir fuhren vormittags von Rischon fort. Etwa eine halbe Stunde entfernt ist das Judendorf Wad el Chanin. Dort empfing uns die ganze Bewohnerschaft; singende Kinder; ein Alter überreichte mir Brot und Salz und Wein vom eigenen Boden. Ich mußte die Häuser der Kolonisten fast sämtlich besuchen.


Herzl und die zionistische Delegation in Rischon leZion

Wir fuhren weiter. Eine Kavalkade stürmte uns vor der Kolonie Rechoboth entgegen, etwa zwanzig junge Burschen, die eine Art Phantasia aufführten, hebräische Lieder jauchzten und unseren Wagen umschwärmten. Wolffsohn, Schnirer, Bodenheimer und ich hatten Tränen in den Augen, als wir diese flinken mutigen Reiter sahen, in die sich die hosenverkaufenden Jünglinge verwandeln können. Hedad! schrieen sie und stürmten auf ihren arabischen Pferdchen querfeldein. Mich erinnerten sie an die Far-West-Reiter der amerikanischen Steppen, die ich einmal in Paris gesehen hatte.

In Rechoboth noch größere Kundgebung; die ganze Ortschaft erwartete mich in Reih und Glied. Die Kinder sangen. Mit den Mitteln Armer ein fürstlicher Empfang.

In schwerer Hitze zurück nach Jaffa, wo ich erschöpft anlangte. Mein guter Hechler war eingetroffen. Ich erzählte ihm die Vorgänge seit unserer ersten Trennung und bat ihn, dem Grafen Eulenburg zu sagen, daß ich am nächsten Morgen auf der Landstraße vor Mikweh Israel auf den Kaiser warten werde.

Gestern früh fuhr ich zeitig hinaus nach Mikweh Israel. Ich war schon unwohl, hielt mich aber mit Anstrengung aufrecht. Das Bild der Zöglinge an den landwirtschaftlichen Geräten war sehr hübsch. Als Neugierige fanden sich auch die etwas hochmütigen freiherrlich Rothschildschen Administratoren ein. Dem Direktor Niego von Mikweh sagte ich, ich würde ihn dem Kaiser vorstellen, wenn mich dieser erkennen und ansprechen sollte. Niego bat mich, dies zu unterlassen, da es als eine zionistische Manifestation angesehen werden und ihm schaden könnte. Ich sei hier als Gast von Mikweh und solle ihn, den Direktor, daher nicht vorstellen. Eigentlich war das eine kleine Zurechtweisung, die ich aber dem sonst liebenswürdigen Manne nicht verargte.

Um neun kündigte eine Bewegung auf der mit einer mixed multitude von arabischen Bettlern, Weibern, Kindern und Reitern besetzten Landstraße das Herannahen des kaiserlichen Zuges an. Grimmige türkische Reiter sprengten mit verhängten Zügeln, drohenden Gewehren, noch drohenderen Rundblicken einher. Dann die Vorreiter des Kaisers. Und dort in einer grauen Gruppe mit einigen Damen er selbst.

Ich gab dem Schülerchor von Mikweh das Zeichen zum Absingen des "Heil Dir im Siegerkranz" mit der Hand. Ich stellte mich an einen der Pflüge hin und zog den Korkhelm. Der Kaiser erkannte mich schon von fern. Es gab ihm einen kleinen Ruck, er lenkte sein Pferd zu mir herüber — und hielt vor mir an. Ich trat zwei Schritte vor; und als er sich auf den Hals des Pferdes niederbeugte und mir die Hand herunterstreckte, trat ich ganz dicht an sein Pferd heran, streckte meine Hand hinauf und stand entblößten Hauptes vor ihm.

Er lachte und blitzte mich mit seinen Herrenaugen an:

"Wie geht's?"

"Danke, Majestät! Ich sehe mir das Land an. Wie ist die Reise Majestät bisher bekommen?"

Er blinzelte mächtig mit den Augen:
"Sehr heiß! Aber das Land hat eine Zukunft."

"Vorläufig ist es noch krank", sagte ich.

"Wasser braucht es, viel Wasser!" sprach er herab.

"Ja, Majestät! Kanalisierungen in großem Maßstab!"

Er wiederholte: "Es ist ein Land der Zukunft!"

Vielleicht sprach er noch einiges, was mir entfallen ist, denn mein Aufenthalt dauerte einige Minuten. Dann reichte er mir wieder die Hand herunter und trabte davon. Die Kaiserin war auch ein wenig in die Fronte geritten, nickte mir lächelnd zu. Dann ging der Kaiserzug unter den Kindertönen des "Heil Dir im Siegerkranz" weiter.

Ich sah noch, wie der Kaiser sich stolzer im Sattel aufreckte und seine Hymne salutierte, wie damals in Breslau das Denkmal seines Großvaters.

Unter den hinterdrein Reitenden erkannte ich den Hofmarschall Eulenburg, der mich liebenswürdig grüßte.

Die Schaugäste von Mikweh waren ganz verblüfft. Einige fragten, wer das war. Die Rothschildschen Administratoren blickten scheu und verdrießlich.

Wolffsohn, der Brave, hatte zwei Momentaufnahmen der Szene gemacht. Wenigstens glaubte er es. Er klopfte sich stolz auf seinen Kodak. "Die Platte geb' ich nicht um zehntausend Mark her."

Aber als wir nach Jaffa zum Photographen kamen und die Platten entwickeln ließen, zeigte sich, daß auf der ersten Aufnahme nur ein Schatten des Kaisers und mein linker Fuß zu sehen war; die zweite Platte war ganz verdorben.


Das bekannte Bild von Herzls Treffen mit dem Kaiser ist eine Fotomontage aus zwei separaten Bildern, die die Situation nachstellen

In furchtbarer Hitze fuhren wir dann mit der Bahn nach Jerusalem. Eine Stunde dauerte die Abfahrt allein auf dem Bahnhof von Jaffa. Es war eine Marter in dem engen dichtbesetzten glühenden Coupé. Unterwegs durch die trostlose verödete Landschaft begann ich zu fiebern und wurde immer fiebriger und matter je weiter wir in den Sabbat hineinfuhren. Denn wir fuhren zur größten Verzweiflung Wolffsohns infolge der Zugverspätung in den Sabbat hinein. Im vollen Mondschein kamen wir in Jerusalem an. Ich wäre gern die halbe Stunde vom Bahnhof nach dem Hotel gefahren; aber die Herren machten bedenkliche Gesichter, und so mußte ich mich entschließen, mit meiner Fiebermüdigkeit in die Stadt zu gehen. Ich wankte ordentlich an meinem Stock, den andern Arm stützte ich abwechselnd auf Wolffsohns und Schubs Arm.

Trotz der Mattigkeit machte mir Jerusalem im Mondschein mit seinen großartigen Umrissen doch einen mächtigen Eindruck. Prachtvoll die Silhouette der Feste Zion, der Davidsburg.

Die Gassen waren voll von im Mondschein lustwandelnden Judenscharen.

Ich war noch sehr unwohl, bevor ich einschlief. Ich nahm Chinin und erbrach darauf. Dann rieb mich Schnirer mit Kampherspiritus ein und schlief die Nacht in meinem engen Kämmerlein.

Wolffsohn war ganz weg vor Aufregung. Er gab mich vielleicht schon auf.

Morgens erwachte ich erleichtert. Bin aber heute noch recht matt. Ich bin bis jetzt abends noch keinen Schritt aus dem Haus gewesen. Ich sehe nur aus den Fenstern und finde, daß Jerusalem prachtvoll daliegt. Es ist noch in seinem jetzigen Verfall eine schöne Stadt und kann, wenn wir herkommen, wieder eine der schönsten Städte der Welt werden.

Aus meinem Hotelfenster sah ich nachmittags den Kaiser die Triumphbogen passieren, zuerst den jüdischen, dann den türkischen. Er soll bei den Juden etwas länger verweilt haben. Ich war nicht beim Bogen der Juden, weil hier zwei Parteien waren. Die eine wollte, daß ich die Ansprache der Gemeinde an den Kaiser halte. Die andere schien zu wünschen, daß ich mich mit meinem Zionismus gar nicht in ihre Nähe begebe. Da nun, wie mir mitgeteilt wird, der Chacham Baschi von Konstantinopel dem hiesigen den Vorschlag gemacht hatte, mich mit dem großen Bann zu belegen - so wollte ich diesen orientalischen Protestlern lieber gar nicht in die Nähe gehen.


Blick aus Herzls Hotelfenster auf das "jüdische Tor".

 

31. Oktober, Jerusalem.

Wenn ich künftig deiner gedenke, Jerusalem, wird es nicht mit Vergnügen sein.

Die dumpfen Niederschläge zweier Jahrlausende voll Unmenschlichkeit, Unduldsamkeit und Unreinlichkeit sitzen in den übelriechenden Gassen. Der eine Mensch, der liebenswürdige Schwärmer von Nazareth, der in all der Zeit hier war, hat nur dazu beigetragen, den Haß zu vermehren.

Bekommen wir jemals Jerusalem, und kann ich zu der Zeit noch etwas bewirken, so würde ich es zunächst reinigen.

Alles, was nicht Heiligtum ist, ließe ich räumen, würde Arbeiterwohnungen außerhalb der Stadt errichten, die Schmutznester leeren, niederreißen, die nicht heiligen Trümmer verbrennen und die Bazare anderswohin verlegen. Dann unter möglichster Beibehaltung des alten Baustils eine komfortable, ventilierte, kanalisierte neue Stadt um die Heiligtümer herum errichten.

* * *

Vorgestern abends kam der gute Hechler hier an und war bei mir.

Ich sagte ihm, "wenn ich bei der nächsten Vakanz des Jerusalemer englischen Bistums was dreinzureden habe, müssen Sie Bishop of Jerusalem werden".

Er lehnte den Gedanken ab.

Ich wiederholte: "Bishop of Jerusalem!"

* * *

Die hiesige Judengemeinde ist wie die anderen. Jetzt , stellt sich heraus, daß der Mann, der mir ihre angebliche Einladung überbrachte, gelogen hatte. Von mir ging er zu den Vorstehern und sagte ihnen, daß ich gern unter ihrem Triumphbogen den Kaiser erwarten möchte. Darauf erklärten die Vorsteher — es sei kein verfügbarer Platz mehr vorhanden.

Unter den Besuchern, die sich bei mir im Marxschen Hause einfinden, war gestern auch der spanische Rabbi Meyr. Er erklärte mir die Haltung der hiesigen Großrabbiner, die es sich mit der türkischen Regierung nicht verderben wollen.

Ich sagte amüsiert: "Um den Herren keine Verlegenheit zu bereiten, werde ich sie auch nicht besuchen."


Herzl und die zionistische Delegation vor dem Haus der Marx Familie in der Mamillah Strasse

* * *

Wir waren bei der Klagemauer. Eine tiefere Bewegung will nicht aufkommen, weil sich an diesem Orte ein häßlicher, elender, spekulativer Bettel breit macht. So war es wenigstens gestern in den Abend- und heute in den Morgenstunden, als wir dort waren.

* * *

Gestern abend besuchten wir den Davidsturm. Beim Eingang sagte ich zu meinen Freunden: "Es wäre ein guter Einfall des Sultans, wenn er mich hier gefangennehmen ließe."

Ergreifend die Aussicht von den verfallenen Zinnen auf die in Abenddünsten verdämmernde Stadt.


Der Davidsturm in Jerusalem

Vorher waren wir ziemlich schnell — durch die via dolorosa gegangen, weil es dort für Juden nicht geheuer sein soll. Seidener, der früher hier gewohnt hat, wollte durchaus nicht mitgehen. Ich hätte es für eine Feigheit gehalten und ging doch durch die Straße der Grabeskirche. Vom Betreten der heiligen Grabeskirche hielten mich die Freunde ab. Man darf auch die Omarmoschee, den Tempelplatz nicht betreten, sonst verfällt man dem Bann der Rabbiner. So geschah es Sir Moses Montefiore.

Wieviel Aberglauben und Fanatismus von allen Seiten. Dennoch fürchte ich mich nicht vor all den Fanatikern.

* * *

Heute waren wir in einem jüdischen Spital. Elend und Unreinlichkeit. Im Gedenkbuch mußte ich dennoch schandenhalber die Reinlichkeit bezeugen. So entstehen die Lügen.

Von der Galerie einer alten Synagoge genossen wir im Vormittagssonnenschein die Aussicht auf Tempelplatz, Ölberg und die ganze legendäre Landschaft.

Ich bin ganz fest überzeugt, daß sich außerhalb der alten Stadtmauern ein prachtvolles Neu-Jerusalem errichten ließe. Das alte Jerusalem wäre und bliebe Lourdes und Mekka und Jeruscholajim. Eine sehr hübsche elegante Stadt wäre daneben ganz möglich.

31. Oktober.

Heute wird die Erlöserkirche vom Kaiser eingeweiht. Ich wich seinem Zug aus, als wir in die Stadt gingen. In Mikweh war es gut, hier wäre es schlecht, auf seinem Wege zu stehen.

* * *

1/2 2 Uhr nachmittags.

Wieder Stunden konzentrierter unbehaglicher Erwartung. Seit vorgestern abend, wo Wolffsohn meinen Brief dem Grafen Eulenburg in den Kaiserlichen Zelten übergab, noch keine Nachricht.

Wir fünf lungern herum und wissen nicht, wann wir empfangen werden sollen. Der Kaiser soll heute nach Jericho und erst übermorgen wiederkommen. Frage, ob er uns heute oder übermorgen (am letzten Tag) empfängt? Ja, die Kleinmütigeren unter uns fragen schon: ob überhaupt?

Wer weiß, welche internationalen Intrigen jetzt über unseren Köpfen spielen? Wir haben hier keine Zeitung, seit 14 Tagen keine Nachrichten mehr von den Weltvorgängen.

* * *

Trotz dieser allgemein gedrückten Stimmung meiner vier Freunde gab ich ihnen soeben eine kleine Lehre für den Empfang. Die Reihenfolge, in der sie stehen sollen, die Haltung usw.; suchte auch die Antworten auf des Kaisers mögliche Fragen vorzubereiten. Sie sollten bedenken, daß er zwar ein mächtiger Mensch, aber auch nur ein Mensch sei. Sie sollten zwar demütig sein, aber doch auch bedenken, daß sie das berühmte Volk der Juden in einem geschichtlichen Moment vertreten.

Ferner fragte ich, ob ihre Kleider, Wäsche, Krawatten, Handschuhe, Schuhe, Hüte in Ordnung seien.

Dann schickte ich Wolffsohn auf Kundschaft aus, warum wir keine Nachricht erhalten haben. Er soll zu Hechler, dieser zu Eulenburg nach den Zelten.

Und ich warte.

* * *

Drei Uhr.

Wolffsohn kommt eifrig von Hechler zurück.

Hechler erzählt, der Kaiser werde morgen früh direkt nach Berlin zurück, weil große Ereignisse vorgehen. Frankreich habe an England den Krieg erklärt.

Diese Sache kommt mir unglaublich vor.

Gleichzeitig ist auch ein russischer Konsulatsbeamter hier im Hause Marx, der dasselbe Gerücht mitbringt.

Ich glaube noch immer, daß da eine Übertreibung oder Phantasienachricht vorliegt. Vielleicht stammen beide Meldungen aus dem gleichen Boden.

Hechler sagte Wolffsohn noch, der Kaiser habe ihm bei der Einweihung heute zweimal zugewinkt, worauf er sich zur Audienz meldete. In einer halben Stunde werde er bei Eulenburg, dann beim Kaiser sein und ihn fragen, ob er die Zionisten vergessen habe.

Wolffsohn fährt jetzt wieder zu Hechler.

* * *

1/2 7 Uhr

Hechler war eine Stunde hier, trank Tee und erzählte sein contretemps.

Er war in Eulenburgs Zelt gekommen; der Graf sollte gleich wieder da sein. Hechler eilte hinaus, um Wolffsohn zu verständigen, daß es noch eine Weile dauern würde. Als er zurückkehrte, war Eulenburg bereits da gewesen und wieder fort. Eine halbe Stunde saß der gute Hechler in Eulenburgs Zelt und wartete. Dann Trompeten, Abfahrtlärm. Wer fuhr da weg? Der Kaiser.

Um 1/2 6 fuhr er wieder nach den Kaiserzelten. Nun sind Wolffsohn und Schnirer aus, um Hechler vor den Zelten zu erwarten.

Wir sind durch das ungewisse Warten schon ganz demoralisiert.

Hechler erzählte, der Kaiser wäre nicht nach Jericho, aber nach Beiruth. Die Kriegsgefahren scheinen also doch erfunden gewesen zu sein.

 

1. November, Jerusalem.

Wolffsohn und Schnirer kamen gestern abends um 1/2 8 von den Zelten mit diesem Bericht zurück:

Hechler war bei Eulenburg, sprach zuerst hin und her, fragte dann, wann die Zionisten empfangen werden würden. Eulenburg sagte: "Morgen oder übermorgen."

Der Kaiser fährt nicht nach Jericho, sondern bleibt noch hier.

* * *

Es tut mir sehr leid, daß ich mich von meinen Herren abhalten ließ, dem Kaiser vorgestern zu schreiben, er möge mich baldigst empfangen, weil ich unverzüglich nach Europa zurückkehren müsse; Dienstag gehe mein Schiff.

Die Herren hatten Angst vor dem Forcieren der Sache. Sie kennen meinen Grund nicht: daß ich sofort nach der Audienz das Land verlassen will, bevor die Türken zur Besinnung kommen und mir möglicherweise Verlegenheiten bereiten.

Nun ist das verpaßt. Vor nächstem Dienstag geht kein sicheres Schiff nach Port Said ab, und ob es eine gelegentliche Verbindung gibt, mit der wir bis Samstag in Port Said oder Alexandrien sein können, ist höchst zweifelhaft.

Es war ein großer Fehler, daß ich mich abbringen ließ.

Über Nacht ist mir eingefallen, die Photographien der Kolonien dem Kaiser zu schicken und ihn bei der Gelegenheit an die Audienz zu erinnern. Ich habe jetzt weggeschickt, um einen kostbaren Stoff als Hülle für die Bilder kaufen zu lassen. Wolffsohn wird das Paket zu Eulenburg bringen, dem ich schreibe:

"Ew. Exzellenz

beehre ich mich ganz ergebenst, in der Beilage einige Photographien aus den schon gebildeten jüdischen Kolonien Palästinas zu überreichen, mit der Bitte, die Bilder Sr. Majestät dem Kaiser vorzulegen.

Darf ich bei dieser Gelegenheit anfragen, ob Tag und Stunde unseres Empfanges bereits bestimmt sind? Wir möchten unverzüglich nach der Audienz nach Europa abreisen, wohin uns dringende Angelegenheiten rufen.

Ew. Exzellenz wiederholt für die große Güte Ihrer Vermittlung dankend, bitte ich Sie, die Ausdrücke meiner ausgezeichnetsten Verehrung zu genehmigen.

Ihr ganz ergebener

Dr. Th. H.

 

2. November, Jerusalem.

Dieser Brief an Eulenburg wurde nicht abgeschickt. Denn während Seidener und Schnirer gestern vormittags aus waren, um die Mappe für die Bilder zu besorgen, kam der Kawaß des deutschen Konsulats mit einem Zettel, der nur meinen Namen trug, und lud mich ein, zum Generalkonsul zu kommen.

Beim Generalkonsul v. Tischendorf war ein Graf Mühling, der das neue rote Jerusalemkreuz trug.

Tischendorf sagte mir, daß ich in den Zelten vom Legationsrat Kemeth erwartet werde, um über die von mir angesuchte Audienz noch Angaben zu machen. Also gab es doch eine Audienz.

Meine Freunde und ich waren schon ganz entmutigt, weil wir so lange "dunsteten". Auf der Fahrt zum Konsulat machte Schnirer ein langes Gesicht und gab einer pessimistischen Auffassung Ausdruck. Diese Vorladung aufs Konsulat bedeute Schnee.

Um so freudiger war er bewegt, als ich ihm im Wagen mitteilte, was vorging. Wir fuhren nach den kaiserlichen Zelten; ich ließ mich beim Legationsrat melden. Dieser, ein schmächtiger, noch junger, schon sehr selbstbewußter Beamter, empfing mich mit einiger Herablassung, führte mich in ein Empfangszelt, wo er sich in einem Fauteuil recht großartig räkelte, die Beine überschlug und mir meine korrigierte Ansprache vorhielt. In meinem Entwurf, den ich Eulenburg zugeschickt hatte, waren mehrere Stellen mit Bleistift durchstrichen. Die müsse ich ausmerzen. Das könne er mich nicht dem Kaiser sagen lassen. Er! Er? Wer ist das? Ich hatte den Eindruck des Bedienten in Dr. Klaus, der in Abwesenheit des Arztes ordiniert, machte aber ein gleichmütiges Gesicht zu den Überhebungen des jungen Mannes. Er wünschte schließlich, daß ich ihm das Dokument noch einmal vorlege, und das korrigierte Manuskript auch, damit er vergleichen könne, ob ich das auch richtig gemacht habe. Ich bemerkte die Impertinenz nicht und sagte ruhig: "Gewiß!"

Er meinte noch, mit halber Entschuldigung, daß ja er die Verantwortung habe. Er? Wer?

Dann fragte er mich nicht ungnädig: "Wo sind Sie sonst angesessen?"

Als ob er nicht alles ganz genau wüßte. Eine solche Audienz ist doch nichts Alltägliches. Davon haben die Herren lang und viel gesprochen, über mich geschimpft. Sie sind offenbar alle wütend darüber, daß der Kaiser sich mit einem Juden so einläßt.

Aber wieder antwortete ich ganz ruhig und bescheiden: "In Wien."

Ich fragte noch, in welcher Weise ich über die Publikation verständigt werden würde. Ich würde natürlich nur das veröffentlichen, was mir aufgetragen würde.

Er bemerkte kalt: "Auftrag scheint mir nicht das richtige Wort. Höchstens wird mau Ihnen gestatten, etwas zu veröffentlichen."

Diesmal hatte er recht. Ich empfahl mich. Ob ich dem Kaiser Bilder aus den Kolonien mitbringen könne? Herr Kemeth oder Kehmetz hatte nichts dagegen; nur wäre es ihm lieb, wenn wir den Kaiser nicht zu lange aufhielten. Ihm ist etwas lieb.

Ich erfuhr auch, daß Bülow bei der Audienz anwesend sein werde.

Dann ging ich.

* * *

Abends schickte ich dem wichtigen Herrn Legationsrat die neue Reinschrift mit dem Korrektur-Manuskript durch Bodenheimer zu.

Er soll in der Abendbeleuchtung nicht ganz ungnädig gewesen sein. Er sagte zu Bodenheimer: "Ihr Vertreter, Herr Dr. Herzl, hat von einer Veröffentlichung gesprochen. Wir rechnen jedenfalls darauf, daß vorläufig nichts dergleichen geschehen werde."
Bodenheimer versicherte Se. Importanz unserer Verschwiegenheit.

Für einen Mann, der die Ausdrücke so genau richtigzustellen weiß, ist es wohl ein geflissentlicher Mißgriff, wenn er von mir als vom "Vertreter" des Dr. Bodenheimer sprach. Je déplais à ces Messieurs. Je m'en doutais.

* * *

Nachmittags waren wir auf dem Ölberg.

Große Augenblicke. Was ließe sich aus dieser Landschaft machen. Eine Stadt wie Rom, und der Ölberg böte eine Aussicht wie der Gianicolo.

Die alte Stadt mit ihren Reliquien würde ich einkapseln, allen Tagesverkehr hinausziehen, nur Gotteshäuser und Wohltätigkeitsanstalten sollten innerhalb der alten Mauer verbleiben. Und auf die Hügellehnen rings im weiten Kreise, die sich unter unserer Arbeit begrünen würden, käme ein herrliches Neu-Jerusalem zu liegen. Den Weg nach dem Ölberg würden die Elegantesten aller Weltteile befahren. Durch Pflege ist ein Juwel aus Jerusalem zu machen. Alles Heilige in die alten Mauern einschließen, alles Neue rings umher ausbreiten.

Wir stiegen auf den russischen Turm, ich nur bis zur ersten Galerie, weil ich schwindlig wurde; die anderen Herren ganz hinauf. Unvergleichliche Aussicht auf das Jordantal mit seinen Berglehnen, das Tote Meer, das Gebirge Moab, die ewige Stadt Jerusalem.

Man müßte Zeit und freien Kopf haben, um alle diese Eindrücke auszuarbeiten.

* * *

Auf der Rückfahrt waren wir in den Felsengräbern der Könige, die ein französischer Jude Péreire besessen — und der französischen Regierung geschenkt hat. Für so unmöglich wurde es gehalten, daß die Juden jemals selbst etwas besitzen würden.


Herzl und die zionistische Delegation an den Königsgräbern

 

2. November, Jerusalem.

Der Vormittag des großen Ereignisses ein bißchen fieberhaft. Ich gab noch im Nachthemd meinen Freunden Lehren über das Benehmen in der Audienz. Komische Details. Bodenheimer hat keinen guten Glanzhut. Dann Aufregungen der Wagenbesorgung, da wir ja stattlich vorfahren müssen.

Viele lästige Besuche.

Der gute Hechler war jetzt da. Er übernahm es, die Mappe mit den Kolonienbildern dem Grafen Eulenburg zuzustellen. Dann segnete er uns im Namen des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, setzte seinen weißen wallenden Schleierhut auf und ging.

Wir nehmen jetzt um elf einen kleinen lmbiß und kleiden uns dann an. Schnirer will uns allen ein bißchen Brom geben, wie mau das jetzt macht, bevor man auf Mensur geht.

* * *

Um 1 Uhr 8 Minuten.

Wir sind schon wieder zurück von der Audienz.

Dieser kurze Empfang wird in der Geschichte der Juden für immerwährende Zeiten aufbewahrt werden, und es ist nicht unmöglich, daß er auch geschichtliche Folgen haben wird.

Aber wie schnurrig sind die Details des ganzen Vorganges.

Um 1/2 12 Uhr waren wir mit unserem summarischen Mittagessen fertig. Ich hielt auf strenge Diät meiner Herren, damit sie mir ordentlich in Form seien.

Um 12 Uhr waren wir alle angekleidet. Bodenheimer hatte einen grotesken Zylinder und zu weite Manschetten, an denen die Unterärmel hervorrutschten. Im letzten Augenblick mußte man ihm andere Manschetten hervorsuchen.

Ich hatte meinen schäbigen Medschidje (zum erstenmal) angelegt.

Brom ließ ich nicht nehmen — wie Marcou Baruch in Basel sagte: je ne le voulais pas pour l'histoire. Et j'avais raison !

Wir fuhren im brennenden Mittagssonnenschein und weißen Staube nach den Zelten. Ein paar Juden in den Straßen schauten auf, als wir vorüberfuhren. Enten im Sumpf, wenn oben die wilden Enten streichen.


Die Delegation vor den Mauern Jerusalems

Am Gitter der Zelte zögerten die türkischen Wachen, bevor sie Schnirer und mich einließen. Dann kam ein Unteroffizier, der uns passieren ließ.

Im abgeschlossenen Baum kam uns der Graf v. Kessel in der Kolonialuniform entgegen und wies nach einem Wartezelt. Da standen wir etwa zehn Minuten und besahen uns den kleinen Salon mit den bunten Teppichen und Möbeln.

Dann rief man uns nach dem Kaiserzelt. Der Kaiser stand in der grauen Kolonialuniform, den Schleierhelm auf dem Kopf, braune Handschuhe und — merkwürdigerweise — die Reitpeitsche in der Rechten und erwartete uns. Einige Schritte vor dem Eingang machte ich Front und verbeugte mich. Der Kaiser streckte mir beim Eintritt sehr freundlich die Hand entgegen. Etwas abseits stand Bülow in einem bestaubten grauen Sakkoanzug und hielt meinen korrigierten Entwurf in der Hand.

Die vier Herren traten hinter mir in das breite Zelt. Ich fragte, ob ich die Herren vorstellen dürfe, er nickte, ich tat es. Er legte bei der Nennung eines jeden Namens die Hand an den Helmschirm.

Dann auf einen Blick, den ich mit Bülow wechselte, nahm ich mein Papier und las, anfangs gedämpft und mit etwas vibrierender Stimme, allmählich très à mon aise. Von Zeit zu Zeit blickte ich vom Papier auf und sah ihm in die Augen, die er fest auf mich gerichtet hielt.

Nachdem ich fertig war, sprach er.

Er sagte ungefähr folgendes:

"Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilungen, die mich sehr interessiert haben. Die Sache bedarf jedenfalls noch eines eingehenden Studiums und weiterer Aussprachen." Hierauf ging er in eine Betrachtung der bisherigen Kolonisation ein. "Das Land braucht vor allem Wasser und Schatten." Er gebrauchte einige landwirtschaftliche und forsttechnischen Ausdrücke. Seine Wahrnehmungen hätten ihn übrigens belehrt, daß der Boden kultivierbar sei. "Die Ansiedlungen, die ich sah, sowohl die der Deutschen wie Ihrer Landsleute, können als Muster dienen, was man aus dem Lande machen kann. Das Land hat Platz für alle. Schaffen Sie nur Wasser und Schatten. Auch für die eingeborene Bevölkerung werden die Arbeiten der Kolonien als anregendes Muster dienen. Ihre Bewegung, die ich genau kenne, enthält einen gesunden Gedanken."

Er versicherte uns noch seines anhaltenden Interesses, und wie er übrigens die fünf oder sechs Minuten seiner Antwort ausfüllte, das ist mir nicht mehr erinnerlich.

Nachdem seine offizielle Antwort vorüber war, reichte er mir die Hand, entließ uns aber noch nicht, sondern zog mich mit Bülow ins Gespräch: "Herrn v. Bülow kennen Sie ja?"

Ob ich ihn kannte ! Bülow, der meine ganze Ansprache im Brouillon mit dem Zeigefinger begleitend mitgelesen halle, lächelte süß. Wir sprachen über die Reise.

Der Kaiser sagte: "Wir haben gerade die heißeste Zeit bekommen. An dem Tag, wo wir uns gesehen haben, war es am ärgsten. Bei Ramleh haben wir die Temperatur gemessen. 31° im Schatten, 41° in der Sonne."

Bülow sagte süß: "Wie Se. Majestät der Kaiser zu sagen die Gnade hatte, ist Wasser die Hauptsache. Herr Herzl wird besser wissen als ich, was der griechische Dichter sagt: "Αριστον μεν υδωρ".

"Das können wir dem Lande bringen. Es wird Milliarden kosten, aber auch Milliarden einbringen."

"Na, Geld haben Sie ja genug", rief der Kaiser jovial und beklopfte sich mit der Reitpeitsche den Stiefel. "Mehr Geld wie wir alle."

Bülow abondait dans ce sens: "Ja, das Geld, das uns so viele Schwierigkeiten macht, haben Sie reichlich."

Ich wies darauf hin, was man mit der Wasserkraft des Jordan machen könnte, und zog Seidener als Ingenieur ins Gespräch. Seidener sprach von Talsperren usw. Der Kaiser ging gern darauf ein und spann den Gedanken fort. Dann kam er auf die Gesundheitsverhältnisse, Augenkrankheiten usw., die besonders zur Zeit der Feigenernte auftreten. Da zog ich Schnirer heran, der darüber kurz sprach.

Noch konnte ich anfügen, wie ich mir es dächte, die alte Stadt den milden Anstalten zu übergeben, zu säubern und ein Neu-Jerusalem zu bauen, das man vom Ölberg überschauen würde, wie Rom vom Gianicolo.

Wolffsohn und Bodenheimer konnte ich nicht herankriegen, denn der Kaiser schloß die Audienz, indem er mir noch einmal die Hand reichte.

Ich ging voraus ab, sah dann noch einmal seitlich zurück. Der Kaiser stand im Profil zu Bülow gewendet und sprach mit ihm und sah aus, als wenn er sich eine contenance geben wollte.

Der Graf v. Kessel fragte, als wir gingen: "Die Audienz schon aus?" Er war weniger verbindlich als in Konstantinopel, woraus ich schloß, daß unsere Aktien weniger gut stünden.

Im Weggehen sagte ich zu Schnirer: "II n'a dit ni oui ni non."

Man wollte uns jetzt wieder nicht zum Gitter hinaus lassen. Aber draußen stand der Geheimpolizist und angebliche Zionist Mendel Krämer, der uns seit Jaffa begleitet — mir scheint im Auftrag der türkischen Regierung — und ließ uns öffnen.

* * *

Er hat nicht ja noch nein gesagt. Offenbar hat da viel inzwischen gespielt. Auf dem Brouillon, das ich zurückgab, stand hinten mit Bleistift "Tewfik Pascha, Grand Hôtel". Ich ließ mich erkundigen, ob es der Minister des Auswärtigen sei? Ja.

Telegramm an den Großherzog:

Sr. Königl. Hoheit Herrn Friedrich Großherzog von Baden.

Es drängt mich, Ew. Kgl. Hoheit von der heiligen Stadt aus heute aus tiefstem Herzen für alle Gnade zu danken.

Ehrfurchtsvoll ergeben
Theodor Herzl.

 

4. November, Jaffa.

Nach der Audienz fuhren wir vorgestern nach dem Marxschen Hause. Einige Leute, die uns fahren und ankommen gesehen hatten, drängten sich als Besucher ein. Mit Mühe gelang es, das Empfangszimmer zu räumen. Um halb vier fuhr ich mit Wolffsohn, Bodenheimer und dem Kolonisten Broze nach der schön gelegenen, aber noch sehr, sehr armen Kolonie Mozah, in der dieser wackre junge Mensch vor vier oder fünf Jahren den namenlos unfruchtbaren Boden zu bearbeiten begonnen hat. Schon sieht er Früchte seines harten Fleißes, schon beginnt er zu ernten. Der Weg über die malerische, ein wenig an die Pyrenäen erinnernde Bergstraße von Jerusalem nach Mozah verging uns leicht, als uns der Kolonist Broze seine schweren Mühen der Anfangszeit erzählte. Einmal, als die Reben zu treiben anfingen, kamen nachts Rehe und fraßen die Triebe ab. Da legte er sich in drei Nächten hinaus mit dem Gewehr, obwohl es da oft Hyänen gibt, und er tat kein Auge zu, um nicht von den Hyänen überrascht zu werden.

Wann ward ein Boden heldenmütiger erobert?

In Mozah pflanzte ich auf Brozes Grundstück, an dem geschützten Abhänge, der von St. Jean abgekehrt liegt, eine junge Zeder. Wolffsohn pflanzte eine kleine Dattelpalme. Einige Araber halfen uns nebst den Kolonisten Broze und Katz.


Herzl in Mozza. Irrtümlich nahm er an, eine Zeder gepflanzt zu haben, in Wirklichkeit handelte es sich um eine Zypresse. Die "Herzl Zypresse" wurde unter ungeklärten Umständen 1914 gefällt und war seitdem Stoff zahlreicher Kinder- und Jugendgeschichten

In dunkler Nacht kamen wir nach Jerusalem zurück.

Um keinerlei Aufsehen bei unserer Abreise zu haben, hatte ich meine Freunde gebeten, erst bei Nacht zu packen. Ich stand um zwei Uhr morgens auf und packte meine Sachen.

Mit dem Frühzuge der Eisenbahn fuhren wir gestern von Jerusalem nach Jaffa. Ich wollte sofort die Stadt und das Land verlassen und eilte nach dem Hafen. Ich nahm ein Boot und ließ mich nach dem reisefertigen Lloyddampfer rudern. Leider nichts für uns. Der Dampfer geht nach Beyruth. Ich wollte mit nach Beyruth fahren und von dort mit einem andern Lloyddampfer wieder zurück, um nicht länger dazubleiben. Aber es war nicht ausführbar, weil der Dampfer schon dampfte, unser Gepäck noch auf dem Bahnhofe geblieben war und der Rückanschluß auch in Beyruth unsicher war.

Sonst lagen auf der Reede außer den deutschen Kriegsschiffen nur noch ein Schiff einer Reiseagentur, das auch nach Beyruth geht, ein russisches Frachtschiff, das noch vier Tage laden muß, ein türkischer Dampfer nach Konstantinopel und die Jacht Gordon Bennetts vom New York Herald. Ich fuhr an alle Schiffe heran mit Ausnahme des türkischen Dampfers, dem ich auswich. Nichts zu machen. Ein Schiffsagent sagte uns, es gehe morgen, also heute, ein englisches Orangenschiff nach Alexandrien. Ein Schiff der Prince Line kommt erst morgen.

So mußten wir leider in Jaffa übernachten, wo ich von Neugierigen, Freunden und Feinden, behelligt wurde. Insbesondere ist da ein .... aus Rischon, von dem mir erzählt wird, er gehe herum und sage, ich wolle die Juden zum Protestantismus bekehren, ich sei ein Werkzeug der englischen Judenmission usw.

Hechler, der hier war, hat durch seine unvorsichtigen Äußerungen diese Lügen veranlaßt.

Zu erwähnen auch noch, daß Herr Niego, der Direktor von Mikweh Israel, sich meinen abermaligen Besuch in Mikweh, den ich auf dringende Einladung der Mme. Niego pro forma in Aussicht gestellt hatte, ausdrücklich verbat, weil ihm die türkische Regierung das übelnehmen könnte.

Das ist die Wirkung der Klatschereien der Rothschildschen Beamten, die ich sofort nach der Begegnung von Mikweh vorausgesehen.

* * *

Meine vier Freunde sind nicht zufrieden, weil wir vorläufig nichts von der Audienz verlautbaren dürfen.

* * *

Ich schreibe an Gordon Bennett:

Dear Sir,

Perhaps you know my name as that of the leader of the Zionist movement.

I had to speak with the Emperor at Jerusalem and came back yesterday too late to Jaffa, so that there is no ship for me. I wish to go to Alexandria.

Now I understand that your Yacht leaves this evening for Alexandria. If that is so, have you a place for me and only one of my four companions? In that way I could reach Alexandria tomorrow evening, in time for the steamer to Naples, where I am expected.

I should be very thankful to get your answer as soon as possible. If you have no place for me, I must try some other combination, and that is difficult in this place.

Believe me, Sir,

Yours obediently

Dr. Th. H.

Auch schreibe ich an Hechler, er möge hier mit niemandem mehr plaudern, wegen der Klatschereien und Verräter.

 

5. November, morgens.

Auf hoher See zwischen Jaffa und Alexandrien, an Bord des englischen Orangendampfers "Dundee".

Jetzt erst halte ich unsere Expedition für beendet, und zwar mit einem ziemlich guten Erfolge.

In Palästina brannte mir der Boden unter den Füßen. Wenn die türkische Regierung nur einen Schimmer von politischer Voraussicht besäße, hätte sie mir diesmal das Handwerk legen müssen. Sic hatte dazu seit meinem Eintreffen in Konstantinopel eine vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit. Sie brauchte mich nur Landes zu verweisen. Oder sie konnte noch kürzeren Prozeß machen, indem sie mich von als Räuber verkleideten Gendarmen kurzerhand überfallen und beseitigen ließ.

Aber die Einsichtslosigkeit der Leute für meine Idee schadet mir nicht nur oft, sie nützt mir auch. Mein Plan wird nicht verstanden, darum wird er so wenig gefördert — und gestört.

Die türkische Regierung ließ mich meine Reise fortsetzen und vollenden; und wenn mich meine Voraussetzungen nicht täuschen, bin ich heute bereits ein politischer Faktor.

Zu den Eigentümlichkeiten dieser Reise gehört auch, daß ich seit dem 10. Oktober nicht mehr weiß, was in der Welt vorgeht. In diesen Gegenden gibt es keine Zeitungen, die Depeschen gehen vier bis fünf Tage, die Briefe werden zufällig zugestellt oder auch nicht.

So haben wir keine Ahnung, ob unsere Expedition überhaupt in der politischen Welt vermerkt worden ist; und wenn ja, welche Kommentare sie hervorgerufen hat.

Einige Tage hörten wir von kriegerischen Verwicklungen zwischen Frankreich und England reden, aber diese Unwahrscheinlichkeiten sowie das Gelingen eines napoleonischen Staatsstreiches wurden alsbald wieder dementiert.

(...)

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hagalil.com 26-04-04

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