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Judentum und Israel
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Marta Baer-Issachar:

Jüdin!

Nicht länger träum' den alten Traum
Von Festestast und kurzer Freude;
Blick um dich, Weib!   Dein Bruder bricht
Zusammen fast, erdrückt vom Leide.
Streich von der Stirn, was dich verwirrt
Und was dein Denken unklar macht,
Zu schwer auf deinem Bruder liegt
Die ewig lange Leidensnacht.

Nach Osten sieh! Und wenn dein Herz
Noch jüdisch fühlt, muss es dich fassen:
Du darfst dein Volk nicht tatenlos
Im Elend untergehen lassen.
Nach Osten sieh, nach Hilfe schau,
Bring selbst dem Volke dar dein Leben,
Du  sollst's als Tochter deines Stamm's
Auf deines Volkes Altar geben.

Du sollst die Wege deines Volks
In Liebe treu, in Liebe gehen,
Und leuchtend wird vor diesem Weg
Das Bild vom neuen Zion stellen.
Das wird in deine Augen klar
Und hell den Gottesfrieden giessen,
Und alle bitt're Wegemüh'
Wird dir das grosse Ziel versüssen.

Wenn du dies Ziel vor Augen hast,
Wird jede Mühe leicht dir scheinen,
All' das, was du an Glück erträumst,
Wird sich in diesem Wort vereinen.
Geh nur den Weg, den ich dir sag:
Sieh, deine Kinder sind mein Hoffen,
An deiner Kinder reiner Hand
Steht dir auch deine Heimat offen.

Zieh auf den Schoss dein Mädchen dir,
Zu Füssen sitze dir dein Knabe,
Und male leuchtend ihm das Bild
Von deiner einst'gen Heimathabe.
Und wenn an dir sein Auge hängt
Und schnell das Herz des Mädchens schlägt,
Dann reiss sie auf und zeig das Leid,
Das noch ihr Bruder stöhnend trägt.

Dann weise hin sie auf das Blut,
Das man aus ihrem Leib gesogen;
Zeig, wie man sie um Heimatsluft
Und Menschenrechte hat betrogen.
Und wenn dir dann ihr Auge folgt,
Umflort vom tiefen Leid, dem trüben,
Dann zeige ihnen, was du willst:
" . . . Ein stolzes Hoffen ist uns blieben . . ."

Ein Hoffen, das uns Arbeit heisst,
Ein Streben, Schaffen, volles Leben,
Dass unserm wandermüden Volk
Wir wieder Heimatfrieden geben.
Zeig ihnen, dass der Weg noch frei,
Dass unser Pfad noch unberührt
Dass er an aller Welt vorbei
In unser Land nach Zion führt.

Weck dann in ihm die Sehnsucht auf
Zu seinem Volk, dem er entstammt,
Dass alle seine Leidenschaft
Und Liebe ihm entgegenflammt.
Er wird mit seiner starken Hand
Dem Volke seinen Frieden geben.
Und du, o Weib, wirst froh vereint
Mit ihm im diesem Frieden leben.

Lass fahren du den alten Traum
Von Festeslust und kurzer Freude,
Blick um dich, Weib, dein Bruder bricht
Zusammen fast, erdrückt vom Leide!

in: Die Welt 1904, Heft 22 (27.5.1904) S. 16 f.

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hagalil.com 10-05-07

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