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An unsere Frauen!
Von Marta Baer-Issachar, Lemberg
Durch unsere Tage geht eine neue
Bewegung, stark wie unsere Zeit, gross wie unsere Zeit und frei wie diese
Zeit, die kein Mitleid kennt, sondern nur dem Eigenrecht des Stärkeren sich
fügt.
Das ist das Streben des Weibes nach
Frauenrechten, das auch unsere jüdischen Frauen erfasst hat, ein Kampf um
die bürgerliche Gleichberechtigung der Frau — ein neues Weltbürgertum mit
neuen Rechten.
Das war eine Phrase, die besonders
schmeichelnd den Unterdrückten an das Ohr klang — den Juden und den Frauen.
Und besonders natürlich: den Judenfrauen. Rechtsbewusstsein und
"Freiheitssehnen, die in der jüdischen Frauenseele wohnen, drängten nach
Betätigung und so warfen sich denn gerade unsere Schwestern mit Feuereifer
auf die neue Idee und predigten von Menschheitsverbrüderung und
Frauenrechten oder gar durch Frauenrechte und wie die Schlagworte alle
hiessen.
In dem Eifer, mit dem die Jüdinnen für
die Frauensache eintraten, trennten sie sich mehr und mehr von ihrem Volke,
um dessen Existenz schliesslich gar nicht mehr oder doch nur als lästig zu
empfinden, wenn sie es nicht gar vorzogen, das vereinigende Band durch die
Taufe zu zerreissen, ein Ausweg, nach dem viele griffen, während das Gros
äusserlich dem alten Glauben treu blieb, um sich dafür innerlich ihren
Schwestern um so fremder zu fühlen.
Es dürfte eine im Leben der Völker
einzigartige Tatsache sein, dass sich die Frauen einer Nation so teilnahmlos
dem Geschicke ihres Stammes gegenüber verhalten; es hat auch nicht an
Versuchen gefehlt, die eigenartige Handlungsweise der Jüdinnen zu erklären
und man einigte sich später in der Annahme, dass dieselben politisch noch zu
unreif seien, um Gegenwartspolitik und Zukunftsarbeit ihres Volkes zu
verstehen. Ich glaube nicht, dass diese Deutung zutreffend sei, sondern dass
die Fahnenflucht unserer Frauen, ihre Interesselosigkeit ihrem Stamme
gegenüber, dadurch erklärt werde, dass sie alle Zusammengehörigkeit mit ihm
und seiner Geschichte verloren haben, weil es ihnen an erlebtem Wissen von
der Geschichte ihres Volkes fehlt und eine innere Haltlosigkeit, die jedes
von seiner Scholle losgelöste Wesen erfasst, sie auch jetzt noch abhält, dem
eigenen Volkstum ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden.
An diesen unhaltbaren Zuständen tragen
nicht wir die Schuld, sondern die vorige Generation; im Assimilationstaumel
Hess dieselbe alles Eigenbewusstsein fallen und passte sich
unverstandenen Gebräuchen, fremden Sitten an. Das nahm dem Hause seinen
Charakter und machte es farblos, haltlos und ohne allen Reiz. Ihm fehlte die
Poesie der alten jüdischen Nationalfeste, der frommen Gebräuche der Ahnen;
die fremden Sitten, die man gerne adoptieren wollte, blieben unverstanden
und konnten deshalb nicht begeistern oder erfreuen. Das Vaterhaus verlor
seinen Inhalt, die Kinder aber allen Zusammenhang mit demselben und gewannen
trotz aller, ach oft so entwürdigenden Mühen, nicht jene Zusammengehörigkeit
mit ihren Nachbarn, die sie anstrebten.
Was sollte ihnen da die Zugehörigkeit zu
einem Stamm, von dem sie nichts wussten, zu einer Religionsgemeinschaft, die
keine Religion hatte und zu einem Volke, das sie tot glaubten?
Doch unter der Asche brannte es noch.
Nur hin und wieder schlug ein kleines Flämmchen empor…. Da
durchfuhr wie ein frischer Windstoss ein allgemeines Aufflackern des
nationalen Eigenbewusstseins das alternde Europa, überall regte es sich,
Staat um Staat bildete sich auf der Balkanhalbinsel, schärfer als je tobte
der Nationalitätenkampf in Österreich und im Inneren Russlands kämpften
Finnen, Polen und Letten um ihre nationale Existenz.
Dieses nationale Streben hat auch Juda
erfasst. Zwar hatten seine Millionäre es schon längst totgesagt und seine
Rabbiner eine gemütliche Religionsgesellschaft aus ihm gemacht (nota bene
ohne Religion), aber trotzdem besass dieses impertinente Volk die
Herzlosigkeit, seine sogenannten Führer Lügen zu strafen, als es in Theodor
Herzl seinen wahren Führer fand. — Das Volk erwacht! Es steht auf, steht auf
und sieht sich um, und wehe seinen falschen Führern, wenn sie ihm schlechte
Wege wiesen. Denn diese Totgesagten sollen ein recht zähes Leben haben ...
Aus den Völkern, in deren Mitte es
lebte, trat ihm ein Feind entgegen, den man auch schon lange totgeglaubt
hatte: der Antisemitismus, und wie alle Totgesagten ist auch dieser
unsterblich. Ein Wellenbad: bald Wellental, bald Wellenberg, droht er uns zu
begraben. Wir zitterten und trotzten: "Was willst du denn von uns, du ....
du musst ja schon längst tot sein, wir habens doch immer gesagt!" Doch das
Ungeheuer wächst. Wir fürchten uns. Es verschwindet — wir triumphieren. Doch
es kommt stets wieder. Wellenberg und Wellental…
Es ist nun nicht zu leugnen und es soll
auch gar nicht in Abrede gestellt werden, dass diese Angst unserer neuen
Bewegung viele Freunde zuführte. Sie wollten eben nicht von den hungrigen,
gierenden Wellen verschlungen werden, es war der Selbsterhaltungstrieb, der
sie zu uns führte, also ein gesunder Drang. Sie besannen sich darauf, dass
sie fremdes Volkstum gar nicht brauchen, dass sie im eigenen einen
unermesslichen Schatz besitzen. Den suchten sie sich neu zu erwerben,
denselben Schatz, den ihre Väter verworfen und ihnen vorenthalten hatten. So
zeitigte denn der Antisemitismus, diese Karrikatur des Rassenstolzes, auch
eine gute Frucht: wir Juden fanden uns wieder zusammen, sahen unser altes
Volkstum, sahen die unlösbaren Bande, die uns alle umschlingen und wurden
stolz auf unsere Zugehörigkeit zum ältesten lebenden Kulturvolk der Welt.
Wie Feuer loderte und brannte da in unseren Adern das alte stolze Judenblut,
die gebeugten Nacken wurden steif und gerade und der Knechtsinn schwand. Und
wenn wir zuerst vielleicht nicht so ganz die hohe und hehre Bedeutung
unserer Bewegung erfasst hatten — nachher verstanden wir sie und Dankbarkeit
erfüllte unser Herz, dass wir diese grösste Zeit unserer Geschichte
miterleben durften.
"The Jew must be
taught, that no era in Jewish history exceeds the present in importance and
solemnity!" Der Jude muss lernen, dass keine
Ära jüdischer Geschichte an Ernst und Bedeutung die jetzige übertrifft (Leo
N. Levi). Und diese Zeit ist die unsere! Im Fluge gewann sich der neue
Gedanke die ganze Welt und tausende von den besten Männern unseres Volkes
schwuren begeistert zu seinen Fahnen.
Die neue Bewegung wandte sich auch an
die Frauen, denen sie das bürgerliche Gleichrecht zugestand und sie dadurch
hinaushob über ihre Schwestern bei den anderen Nationen. Aber die Frauen
standen noch abseits und suchten im Weltbeglückungstaumel ihr Heil. Als
jedoch ihre Bemühungen immer fruchtlos blieben, da sahen sie endlich ein,
dass ihr Streben ein Traum war, ein schöner Traum, aber eben unerreichbar
wie jede Fata Morgana. Sie lernten die Wahrheit des englischen Sprichwortes:
that charity begins at home kennen und schlössen sich einig ihren Brüdern
an.
Aber noch stehen lange nicht alle Frauen
im Dienste der Volkssache, und diese Zögernden sind es, denen heute meine
Worte gelten.
Wir fordern sie auf zur Mitarbeit. Wir
wollen sie zu uns heranziehen, für unser Streben begeistern. Wir wollen
ihnen eine Aufgabe zeigen, die ihrer würdig ist: ihrem tiefgebeugten Volke
Heil und Hoffnung zu werden. Wir wollen sie zu einem edlen Nationalgefühl
erziehen, das stark und stolz seine Eigenart betont, aber frei ist von
eitler Überhebung, die jedes gesunde Eigenbewusstsein zerstört. Sie sollen
sich als lebensfrohes, starkes Glied der Kette fühlen, die uns mit unseren
Ahnen verbindet. Aus ihrem Gesicht wird der Leidenszug verschwinden, den die
Martern des Mittelalters und Angst vor Spott und Schande so tief darin
eingegraben haben und es wird in sieghafter Schöne erstrahlen.
Vor allem aber wollen wir sie innerlich
stark machen, und das jüdische Volk, das der Welt schon so unendlich viel
schenkte, wird ihr noch etwas Grosses geben: Das neue Weib! das starke Weib,
das nicht im Verleugnen des Weiblichen seine Zukunft sieht und nur in
Männerarbeit glücklich zu werden glaubt, sondern jenen Typus, an dem unser
Volk gesunden wird: statt der Edelsteine schmückt sie sich mit erfüllten
Pflichten und ihre liebste Erholung ist ihre Arbeit für ihren Stamm. Sie
kämpft nicht um Frauenrechte, sondern strebt mit sittlichem Ernste
nach Frauenpflichten.
Das ist die neue Wahrheit, die die
Frauen das Volk lehren sollen: das Volk kann frei sein,
das Volk wird frei sein durch die Arbeit seiner Frauen.
Wenn die Frauen wollen… Und sie wollen jetzt! Als sie sahen, dass sie
fremd blieben in den Scharen der Frauen anderer Nationen, erwachte auch in
ihnen der Rassenstolz und das Stammesbewusstsein; weil sie sich auf sich
selbst besannen, wurden sie stark und frei in sich selbst, stolze treue
Juden, die bereit sind, wenn ihr Volk sie ruft. Denn das Volk ist uns
Vater und Mutter, Haus und Herd, Heimat und Habe! Darum heisst dem Volke
treu sein nur: sich selbst treu sein.
Und diese Treue ist der Edelstein im Ringe unserer Lebenspflichten.
Nun ist die jüdische Frau erwacht. Viele
Mühen sind es, die ihrer harren, aber Liebe lässt sie alles Schwere
überwinden. "Denn der würde irren, der die Lebenskräfte des Judentums für
versiegt halten wollte. Wir schöpfen aus tiefen Brunnen, und wenn auch die
Ketten verrostet, die Eimer durchlöchert sind, das lässt sich wieder gut
machen. So gibt es z. B. gegenwärtig eine Sorte jüdischer Frauen und
Mädchen, denen die ganze übrige Welt nichts Ähnliches an Feinheit,
Tüchtigkeit, ernster Lebensführung und wahrhaft gotterfülltem Wesen
gegenüber zu stellen hat. Sie tragen das Bewusstsein ihrer grossen
Vergangenheit in ihrem Auge, und vor dem Adel, der auf ihrer Stirn
geschrieben steht, müsste der Stolz der ältesten Geschlechter Europas
verblassen." (Wassermann: Das Los der Juden.)
Auf diese Frauen hofft das jüdische
Volk. Schwestern! soll es vergeblich auf uns harren?
Wollen wir noch länger fremde Wege gehen?
Nein! Wir wollen in Treue und Einigkeit
mit unseren Brüdern streben, damit der Tag der Freiheit für uns nahe, an dem
wir nach Jahren der Arbeit Ruhe finden werden, die grosse Ruhe — auf dem
Boden der Väter.
Wir können in allen kleineren Fragen so
geteilt sein wie die Finger, aber zusammengehörig wie die Hand, wenn es
heisst, zum grossen Ziele die Bahn zu ebnen. Seite an Seite wollen wir
arbeiten und doch unsere eigenen Wege gehen, wie unsere Überzeugung sie uns
vorschreibt, um unsere Frauenpflichten zu erfüllen. Nun kann man fragen:
Sonderpflichten der Frau bei gleichem Recht? Jawohl, Sonderpflichten, die
uns aus eben jenen gleichen Rechten erwachsen! In jedem Volke hat die Frau
besondere Pflichten, soziale Aufgaben, die in der Frauenhand liegen müssen,
weil sie eben spezifisch weiblich sind. Diese Sonderpflichten sind uns von
der Natur diktiert und deshalb selbstverständlich, ist doch die Lebensweise
der Frau so unendlich verschieden von der der Männer.
Unsere natürlichen Gebiete sind das Haus
und die Familie, von diesen ausgehend können wir unsere Arbeit auf die
erweiterte Familiengemeinschaft, die unser Volk vermöge einer gemeinsamen
Abstammung mehr noch wie jede andere Volksgesellschaft darstellt, ausdehnen.
Die erste Arbeit, mit der wir beginnen
müssen, zugleich unsere elementarste und vornehmste Pflicht, ist die Arbeit
an uns selbst, strenge Selbsterziehung, damit wir fähig und würdig werden,
unsere Kinder zu erziehen. Wir müssen tiefer eindringen in den Geist unserer
Geschichte, wir müssen vertraut werden mit der Geistesarbeit der Ahnen, und
wir müssen auch die Lebensbedürfnisse unserer Brüder und Schwestern kennen
lernen, die arm und elend im Osten leben, in fernem Galizien und Russland,
wo der Wunderrabbi wohnt und die graue Not.
Wir müssen ihre Notlage erst kennen
lernen, um ihre Eigenart zu verstehen, die schätzenswert ist, weil sie
jüdisches Volkstum bedeutet, wenn auch in einer durch Ghettoelend und
Goluthqual korrumpierten Gestalt. Das, was uns fehlt, werden wir bei ihnen
finden, nämlich jüdisches Wissen, und sie werden dafür von uns andere
Bildung, Profanwissen eintauschen, dessen sie bedürfen.
Es ist ein reges Geistesleben, das dort
im Osten pulsiert, eingeengt zwar durch die Ghettoschranken, erdrückt fast
von der dumpfen Ghettoluft, aber doch Geistesleben, das nur eines frischen
Luftzuges bedarf, um neu aufzuleben. All das Elend ist abzuwerfen, von aller
Not sind die Armen zu erlösen durch ein Mittel: durch Heimaterde und kühle,
klare Jordanflut....
Jüdische Frauen! Wollt Ihr Eure Brüder
erlösen? Dann schafft ihnen Heimatboden!
Und nun fragt Ihr mich: Ist es denn
wirklich möglieb, unser Volk zu verpflanzen in gesunde Heimaterde, reichen
denn unsere Kräfte aus und will das Volk? Jüdische Frauen, Ihr Eures Stammes
Stolz und Zierde, Eure Kräfte genügen und Euer Volk will. Es will! Der
Volkswille ist die treibende Kraft der Zionsbewegung. Und Ihr fragt, wie
sieh dieser Volkswille äussert? Ich will es Euch sagen. Wir Westjuden — was
wir fühlen, ist halb und unklar wie wir selbst, denn durch unsere Seele geht
ein grosser Riss, der unsere Seele teilt zwischen Volk und Westkultur — aber
dort im Osten, dort leben noch die ganzen Juden, die fragt! Fragt das Kind
auf der Gasse und es jauchzt: Zion! Fragt den bleichen Jüngling, den
Studenten, was er bei Tage sinnt, wohin nachts seine Träume fliegen? Zion!
Und der alte Mann am Stabe betet müde: Lass meine Augen schauen, wenn du
nach Zion heimkehrst, dort zu wohnen ...
Das ist Volkswille, echt und wahr! Er
ist der Ausfluss unverbrauchter Kraft, die im Volke lebt und nach Betätigung
ringt. Mit ihnen wollen wir Fühlung suchen.
Dann liegt es uns ob, die Sprache zu
pflegen, die unsere Söhne einst in der Heimat sprechen sollen, wie überhaupt
alles kennen zu lernen, was volkstümlich ist.
Das ist mein Traum: die neue jüdische
Frau ihre Kinder lehrend.... das wird die junge Generation innig an den
alten Stamm binden, dass sie aus ihrer Mutter Mund ihr Wissen hat. Und
keines jungen Juden Mund wird mehr sein Volk verspotten und kein junger Jude
mehr seinen Stamm verlassen, denn er wird wissen: meine Mutter lehrte mich!
Sie wird mit ihnen die heiligen Nationalfeste feiern, ihnen von den Taten
der Ahnen erzählen und der Bedeutung der Feste für uns. Das soll für unsere
Zeit eine zweifache sein, eine seelige Erinnerung und zugleich ein stummes
Mahnen. Am Chanukah wollen wir die Kinder hin zum Leuchter führen und ihnen
erzählen von Jehuda Makkabi und von seinem Heldentode. Statt des
Tannenbaumes werden die Menorahlichter leuchten. Zwar werden sie nicht so
lustig flackern wie die Weihnachtskerzen — sie strahlen ruhig, aber dafür
machen sie Herz und Seele frei und weit und geben dem Suchenden Halt. Und
keinen Choral wird man singen, sondern unser Siegeslied. Das ist alt! Durch
tausend Goluthjahre klingt es, und es ist, als ob aller Lichterglanz von
viel tausend Weihefesten in der kleinen Melodie flammte. Und zugleich mit
dieser uralten Weise werden wir auch die Volkslieder singen, die im Volk im
Osten leben. Mögen es auch wohl manchmal nur Nachahmungen fremder
Volksmotive sein — es weht doch eine köstliche Frische und viel Kraft aus
dieser schlichten Musik. Dieses grosse Material verschwindender Volkslieder
ist wohl wert gehütet zu werden. Sie hüten und pflegen soll das jüdische
Haus, das eine Pflanzstätte wahren nationalen Lebens werden muss, unser
Jungbrunnen, in den wir nach Tageslast und Mühen hineintauchen können.
Doch nicht allein mit geistiger Arbeit
erfüllen wir alle Pflichten gegen unseren Stamm, sondern das erwachende Volk
verlangt von den Müttern der jungen Generation, dass sie auch ihren Körper
pflegen, ihn durch Sport und Turnen kräftigen und ausbilden, und auch ihre
Kinder zu vernunftgemässer Körperpflege anhalten.
Damit jedoch ist die Tätigkeit der
jüdischen Frau noch nicht erschöpft. Eine Aufgabe harrt unserer noch, würdig
der Anstrengungen, die sie erfordert. Die Agitation für den Fonds! Der
Nationalschatz des jüdischen Volkes enthält die Mittel, bezw. soll einst die
Mittel enthalten, durch die unser Stamm seine' Heimaterde zurückgewinnt.
Denn mit dem Tage, an dem der völkerrechtlich bestätigte Charter des Sultans
uns Palästina erschliesst, gehören uns wohl die Hoheitsrechte dieses Landes,
aber die in Privatbesitz befindlichen Ländereien müssen auch erst
privatrechtlich erworben werden und dazu gehört Geld, viel Geld. Da soll aus
den Juden, die bisher ein Handelsvolk waren, nach Nordaus Wort ein
handelndes Volk werden, eine Nation, die ihre Gegenwart versteht und
zielbewusst der Zukunft zustrebt.
Jüdische Frauen, von Euch sang unser
Dichter einst: "Ein Biederweib, wer findet es? weit über Peden geht sein
Wert .... sieh, nimmer rasten ihre Hände, was ihr Herz begehrt, erwirbt sie
sich; will sie einen Weinberg, so kauft sie ihn durch ihrer Hände Fleiss ...
Schwestern, wir wollen, und unser ganzes
Volk-will — kaufen wollen wir den heiligen Boden Kanaans, der gedüngt ward
in heissen Schlachten mit geweihtem Ahnenblut.
Das ist die Waffe, mit der wir unser
Land erobern wollen: das Geld. Feierlich in ernstem Kampfe. Da werden nun
die Leute spotten: "Seht her die Zionsritter vom Geldsack, seht ihre
Burgfrauen," doch ihr Hohn kann uns nicht rühren, wir wollen unentwegt
unseren Brüdern und Gatten Waffen schmieden helfen in treusorgender Liebe.
Wir verlangen keine grossen Opfer von
Euch, Ihr Frauen, wir wollen den Pfennig, nicht den Taler. Aber den Pfennig
als heilige Steuer. Von überall her. — Denkt Euch: Ihr, im Herzen der
westlichen Zivilisation, Ihr im Osten, in Russland und Galizien, gebt den
Pfennig, aber auch der kriegerische Jude im Kaukasus und der braune Sohn
Judas am Ganges, und der Jemenit, der Arabiens Wüsten durchstreift, der Jude
im Kapland, tief unten in Südafrika und der Kolonist in Erez-Israel ....
Das wird den Pfennig heilig machen, dass
ihn so viele geben und die sammelnden Frauenhände werden ihn weihen. In
unseren Häusern werden die Büchsen sein, in denen wir das Geld bewahren; und
die Kinder werden lernen, dass jeder Heller gleichsam ein Samenkorn ist, das
blühen wird und Früchte tragen auf der Muttererde heiligem Boden.
Und die Kleinen werden lauschen . . .
und fragen . . . Dann sprich zu ihnen: Von unserer Liebe und von unserer
Not. Und dass aus Not und Liebe unsere Hoffnung geboren wurde. Erzähle ihnen
von Deinem Sammelwerk und sie werden dir helfen wollen. Auch die Kinder sind
dann Ritter des Volkes. Wenn ein Kindermund lieblich bittet, wird auch der
hochfahrendste Sinn nicht nein sagen, und leichter streckt sich die härteste
Hand aus, um in weiche Kinderfinger ihre Gaben zu legen. Die Kinder aber
werden durch die Gabe nicht entwürdigt, sondern geweiht.
Im Haushalt der frommen Frauen werden
alljährlich grössere und kleinere Summen zum Ablösen der Challoh gegeben,
Gelder, die für die Armen Palästinas verwendet werden sollen. Doch der Weg
ist weit und Eure Summe wandert durch viele Hände — da bleibt nicht viel
zurück. Legt Eure Gelder nur in unsere Büchsen und nicht ein Heller bleibt
unverwendet für die Armen, denn alle Armen Israels sollen Anteil an
Erez-Israel haben. Sammelt auch bei Eueren Freunden, keiner wird Euch eine
Gabe versagen. Und so heisst es in unseren alten Büchern: "Grösser wird der
Lohn der Sammler sein als der der Geber, denn ihrer war die grössere Last."
Darum sammelt mit Fleiss und Ausdauer.
Die Frauen aller jener Völker, die die
neue nationale Werdezeit zum Leben erwachen lägst, erfüllen jene Pflichten,
um die ich, um die Euer Stamm bittet, — sollen Judas Frauen müssig harren?
Nimmermehr! Der alte Biederweibsinn wird
neu erstehen und unserem Schaffen junges Leben geben.
An allen jüdisch-sozialen Bestrebungen
der Gegenwart wollen wir weiter innig Anteil nehmen. Noch nie sah die
jüdische Geschichte eine Epoche von gleicher Wichtigkeit wie die jetzige,
nie war die Mitarbeit der Frau, verständnisvoll und intensiv, so notwendig
wie jetzt. Überall gebraucht man sie. Da sind z. B. die
Volksbildungsstätten, die Toynbee-Hallen. Die gilt - es durch tätige
Mitarbeit zu unterstützen, dafür zu sorgen, dass die nationale Kultur in
ihnen gepflegt werde und blühendes nationales Leben von ihnen ausgehe.
Aber vor allem gilt es, die arbeitenden
Schwestern zu organisieren, ihnen im Lebenskampf zur Seite zu stehen.
Überall wo Jüdinnen wohnen, sollen Heime entstehen, die die Mädchen
aufnehmen, wo sie im Verkehr mit gebildeten Frauen aller Stände ihre
Volkszugehörigkeit innewerden, wo ihnen Rat, Hilfe und geistige Anregung
geboten wird. Dann wird uns aus allen Kreisen des Volkes ein junger
Nachwuchs entstehen, der treu zu unserem Banner hält, dem Banner, das
geweiht wurde durch die Tränen der Zehntausende, als unser Herzl darunter
ruhte zum letzten Mal.
Nun mein letztes Wort!
Organisiert Euch, schliesst Euch fest
zusammen, eine an der anderen Halt und Stütze suchend, eine der anderen Halt
und Stütze bietend. Schliesst Euch zusammen und Eure Kräfte werden zehnfach
sein!
Und es wird die Liebe Israels, Eures
Stammes, mit Euch sein bei Eurem Tun und der Segen Eurer Ahnen auf allen
Euren Wegen.
Erwartungsvoll blickt Euer Volk auf Euch
und harrt Eurer Beschlüsse. Es grüsst Euch, Ihr Frauen, als seine Helfer,
die Volksbefreier, die Jugendbildner, seinen Stolz und seine Hoffnung!
in: Lazar Schön (Hrsg.): Die Stimme
der Wahrheit. Jahrbuch für wissenschaftlichen Zionismus. Erster Jahrgang,
Würzburg 1905, S. 334-339.
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10-05-07 |