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Judentum und Israel
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An unsere Frauen!

Von Marta Baer-Issachar, Lemberg

Durch unsere Tage geht eine neue Bewegung, stark wie unsere Zeit, gross wie unsere Zeit und frei wie diese Zeit, die kein Mitleid kennt, sondern nur dem Eigenrecht des Stärkeren sich fügt.

Das ist das Streben des Weibes nach Frauenrechten, das auch unsere jüdischen Frauen erfasst hat, ein Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung der Frau — ein neues Weltbürgertum mit neuen Rechten.

Das war eine Phrase, die besonders schmeichelnd den Unterdrückten an das Ohr klang — den Juden und den Frauen. Und besonders natürlich: den Judenfrauen. Rechtsbewusstsein und "Freiheitssehnen, die in der jüdischen Frauenseele wohnen, drängten nach Betätigung und so warfen sich denn gerade unsere Schwestern mit Feuereifer auf die neue Idee und predigten von Menschheitsverbrüderung und Frauenrechten oder gar durch Frauenrechte und wie die Schlagworte alle hiessen.

In dem Eifer, mit dem die Jüdinnen für die Frauensache eintraten, trennten sie sich mehr und mehr von ihrem Volke, um dessen Existenz schliesslich gar nicht mehr oder doch nur als lästig zu empfinden, wenn sie es nicht gar vorzogen, das vereinigende Band durch die Taufe zu zerreissen, ein Ausweg, nach dem viele griffen, während das Gros äusserlich dem alten Glauben treu blieb, um sich dafür innerlich ihren Schwestern um so fremder zu fühlen.

Es dürfte eine im Leben der Völker einzigartige Tatsache sein, dass sich die Frauen einer Nation so teilnahmlos dem Geschicke ihres Stammes gegenüber verhalten; es hat auch nicht an Versuchen gefehlt, die eigenartige Handlungsweise der Jüdinnen zu erklären und man einigte sich später in der Annahme, dass dieselben politisch noch zu unreif seien, um Gegenwartspolitik und Zukunftsarbeit ihres Volkes zu verstehen. Ich glaube nicht, dass diese Deutung zutreffend sei, sondern dass die Fahnenflucht unserer Frauen, ihre Interesselosigkeit ihrem Stamme gegenüber, dadurch erklärt werde, dass sie alle Zusammengehörigkeit mit ihm und seiner Geschichte verloren haben, weil es ihnen an erlebtem Wissen von der Geschichte ihres Volkes fehlt und eine innere Haltlosigkeit, die jedes von seiner Scholle losgelöste Wesen erfasst, sie auch jetzt noch abhält, dem eigenen Volkstum ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden.

An diesen unhaltbaren Zuständen tragen nicht wir die Schuld, sondern die vorige Generation; im Assimilationstaumel Hess dieselbe alles Eigenbewusstsein fallen und passte sich  unverstandenen Gebräuchen, fremden Sitten an. Das nahm dem Hause seinen Charakter und machte es farblos, haltlos und ohne allen Reiz. Ihm fehlte die Poesie der alten jüdischen Nationalfeste, der frommen Gebräuche der Ahnen; die fremden Sitten, die man gerne adoptieren wollte, blieben unverstanden und konnten deshalb nicht begeistern oder erfreuen. Das Vaterhaus verlor seinen Inhalt, die Kinder aber allen Zusammenhang mit demselben und gewannen trotz aller, ach oft so entwürdigenden Mühen, nicht jene Zusammengehörigkeit mit ihren Nachbarn, die sie anstrebten.

Was sollte ihnen da die Zugehörigkeit zu einem Stamm, von dem sie nichts wussten, zu einer Religionsgemeinschaft, die keine Religion hatte und zu einem Volke, das sie tot glaubten?

Doch unter der Asche brannte es noch. Nur hin und wieder schlug ein kleines Flämmchen   empor…. Da durchfuhr wie ein frischer Windstoss ein allgemeines Aufflackern des nationalen Eigenbewusstseins das alternde Europa, überall regte es sich, Staat um Staat bildete sich auf der Balkanhalbinsel, schärfer als je tobte der Nationalitätenkampf in Österreich und im Inneren Russlands kämpften Finnen, Polen und Letten um ihre nationale Existenz.

Dieses nationale Streben hat auch Juda erfasst. Zwar hatten seine Millionäre es schon längst totgesagt und seine Rabbiner eine gemütliche Religionsgesellschaft aus ihm gemacht (nota bene ohne Religion), aber trotzdem besass dieses impertinente Volk die Herzlosigkeit, seine sogenannten Führer Lügen zu strafen, als es in Theodor Herzl seinen wahren Führer fand. — Das Volk erwacht! Es steht auf, steht auf und sieht sich um, und wehe seinen falschen Führern, wenn sie ihm schlechte Wege wiesen. Denn diese Totgesagten sollen ein recht zähes Leben haben ...

Aus den Völkern, in deren Mitte es lebte, trat ihm ein Feind entgegen, den man auch schon lange totgeglaubt hatte: der Antisemitismus, und wie alle Totgesagten ist auch dieser unsterblich. Ein Wellenbad: bald Wellental, bald Wellenberg, droht er uns zu begraben. Wir zitterten und trotzten: "Was willst du denn von uns, du .... du musst ja schon längst tot sein, wir habens doch immer gesagt!" Doch das Ungeheuer wächst. Wir fürchten uns. Es verschwindet — wir triumphieren. Doch es kommt stets wieder. Wellenberg und Wellental…

Es ist nun nicht zu leugnen und es soll auch gar nicht in Abrede gestellt werden, dass diese Angst unserer neuen Bewegung viele Freunde zuführte. Sie wollten eben nicht von den hungrigen, gierenden Wellen verschlungen werden, es war der Selbsterhaltungstrieb, der sie zu uns führte, also ein gesunder Drang. Sie besannen sich darauf, dass sie fremdes Volkstum gar nicht brauchen, dass sie im eigenen einen unermesslichen Schatz besitzen. Den suchten sie sich neu zu erwerben, denselben Schatz, den ihre Väter verworfen und ihnen vorenthalten hatten. So zeitigte denn der Antisemitismus, diese Karrikatur des Rassenstolzes, auch eine gute Frucht: wir Juden fanden uns wieder zusammen, sahen unser altes Volkstum, sahen die unlösbaren Bande, die uns alle umschlingen und wurden stolz auf unsere Zugehörigkeit zum ältesten lebenden Kulturvolk der Welt. Wie Feuer loderte und brannte da in unseren Adern das alte stolze Judenblut, die gebeugten Nacken wurden steif und gerade und der Knechtsinn schwand. Und wenn wir zuerst vielleicht nicht so ganz die hohe und hehre Bedeutung unserer Bewegung erfasst hatten — nachher verstanden wir sie und Dankbarkeit erfüllte unser Herz, dass wir diese grösste Zeit unserer Geschichte miterleben durften.

"The Jew must be taught, that no era in Jewish history exceeds the present in importance and solemnity!" Der Jude muss lernen, dass keine Ära jüdischer Geschichte an Ernst und Bedeutung die jetzige übertrifft (Leo N. Levi). Und diese Zeit ist die unsere! Im Fluge gewann sich der neue Gedanke die ganze Welt und tausende von den besten Männern unseres Volkes schwuren begeistert zu seinen Fahnen.

Die neue Bewegung wandte sich auch an die Frauen, denen sie das bürgerliche Gleichrecht zugestand und sie dadurch hinaushob über ihre Schwestern bei den anderen Nationen. Aber die Frauen standen noch abseits und suchten im Weltbeglückungstaumel ihr Heil. Als jedoch ihre Bemühungen immer fruchtlos blieben, da sahen sie endlich ein, dass ihr Streben ein Traum war, ein schöner Traum, aber eben unerreichbar wie jede Fata Morgana. Sie lernten die Wahrheit des englischen Sprichwortes: that charity begins at home kennen und schlössen sich einig ihren Brüdern an.

Aber noch stehen lange nicht alle Frauen im Dienste der Volkssache, und diese Zögernden sind es, denen heute meine Worte gelten.

Wir fordern sie auf zur Mitarbeit. Wir wollen sie zu uns heranziehen, für unser Streben begeistern. Wir wollen ihnen eine Aufgabe zeigen, die ihrer würdig ist: ihrem tiefgebeugten Volke Heil und Hoffnung zu werden. Wir wollen sie zu einem edlen Nationalgefühl erziehen, das stark und stolz seine Eigenart betont, aber frei ist von eitler Überhebung, die jedes gesunde Eigenbewusstsein zerstört. Sie sollen sich als lebensfrohes, starkes Glied der Kette fühlen, die uns mit unseren Ahnen verbindet. Aus ihrem Gesicht wird der Leidenszug verschwinden, den die Martern des Mittelalters und Angst vor Spott und Schande so tief darin eingegraben haben und es wird in sieghafter Schöne erstrahlen.

Vor allem aber wollen wir sie innerlich stark machen, und das jüdische Volk, das der Welt schon so unendlich viel schenkte, wird ihr noch etwas Grosses geben: Das neue Weib! das starke Weib, das nicht im Verleugnen des Weiblichen seine Zukunft sieht und nur in Männerarbeit glücklich zu werden glaubt, sondern jenen Typus, an dem unser Volk gesunden wird: statt der Edelsteine schmückt sie sich mit erfüllten Pflichten und ihre liebste Erholung ist ihre Arbeit für ihren Stamm. Sie kämpft nicht um Frauenrechte, sondern strebt mit sittlichem Ernste nach Frauenpflichten.

Das ist die neue Wahrheit, die die Frauen das Volk lehren sollen: das Volk kann  frei sein,   das Volk   wird  frei sein durch die Arbeit seiner Frauen. Wenn die Frauen wollen… Und  sie wollen jetzt!  Als sie sahen, dass sie fremd blieben in den Scharen der Frauen anderer Nationen, erwachte auch in ihnen der Rassenstolz und das Stammesbewusstsein; weil sie sich auf sich selbst besannen, wurden sie stark und frei in sich selbst, stolze treue Juden, die bereit sind, wenn ihr Volk sie ruft. Denn das Volk ist uns Vater und Mutter, Haus und Herd, Heimat und Habe! Darum heisst dem Volke treu sein nur: sich selbst treu sein. Und diese Treue ist der Edelstein im Ringe unserer Lebenspflichten.

Nun ist die jüdische Frau erwacht. Viele Mühen sind es, die ihrer harren, aber Liebe lässt sie alles Schwere überwinden. "Denn der würde irren, der die Lebenskräfte des Judentums für versiegt halten wollte. Wir schöpfen aus tiefen Brunnen, und wenn auch die Ketten verrostet, die Eimer durchlöchert sind, das lässt sich wieder gut machen. So gibt es z. B. gegenwärtig eine Sorte jüdischer Frauen und Mädchen, denen die ganze übrige Welt nichts Ähnliches an Feinheit, Tüchtigkeit, ernster Lebensführung und wahrhaft gotterfülltem Wesen gegenüber zu stellen hat. Sie tragen das Bewusstsein ihrer grossen Vergangenheit in ihrem Auge, und vor dem Adel, der auf ihrer Stirn geschrieben steht, müsste der Stolz der ältesten Geschlechter Europas verblassen." (Wassermann: Das Los der Juden.)

Auf diese Frauen hofft das jüdische Volk. Schwestern! soll es vergeblich auf uns harren?    Wollen wir noch länger fremde Wege gehen?

Nein! Wir wollen in Treue und Einigkeit mit unseren Brüdern streben, damit der Tag der Freiheit für uns nahe, an dem wir nach Jahren der Arbeit Ruhe finden werden, die grosse Ruhe — auf dem Boden der Väter.

Wir können in allen kleineren Fragen so geteilt sein wie die Finger, aber zusammengehörig wie die Hand, wenn es heisst, zum grossen Ziele die Bahn zu ebnen. Seite an Seite wollen wir arbeiten und doch unsere eigenen Wege gehen, wie unsere Überzeugung sie uns vorschreibt, um unsere Frauenpflichten zu erfüllen. Nun kann man fragen: Sonderpflichten der Frau bei gleichem Recht? Jawohl, Sonderpflichten, die uns aus eben jenen gleichen Rechten erwachsen! In jedem Volke hat die Frau besondere Pflichten, soziale Aufgaben, die in der Frauenhand liegen müssen, weil sie eben spezifisch weiblich sind. Diese Sonderpflichten sind uns von der Natur diktiert und deshalb selbstverständlich, ist doch die Lebensweise der Frau so unendlich verschieden von der der Männer.

Unsere natürlichen Gebiete sind das Haus und die Familie, von diesen ausgehend können wir unsere Arbeit auf die erweiterte Familiengemeinschaft, die unser Volk vermöge einer gemeinsamen Abstammung mehr noch wie jede andere Volksgesellschaft darstellt, ausdehnen.

Die erste Arbeit, mit der wir beginnen müssen, zugleich unsere elementarste und vornehmste Pflicht, ist die Arbeit an uns selbst, strenge Selbsterziehung, damit wir fähig und würdig werden, unsere Kinder zu erziehen. Wir müssen tiefer eindringen in den Geist unserer Geschichte, wir müssen vertraut werden mit der Geistesarbeit der Ahnen, und wir müssen auch die Lebensbedürfnisse unserer Brüder und Schwestern kennen lernen, die arm und elend im Osten leben, in fernem Galizien und Russland, wo der Wunderrabbi wohnt und die graue Not.

Wir müssen ihre Notlage erst kennen lernen, um ihre Eigenart zu verstehen, die schätzenswert ist, weil sie jüdisches Volkstum bedeutet, wenn auch in einer durch Ghettoelend und Goluthqual korrumpierten Gestalt. Das, was uns fehlt, werden wir bei ihnen finden, nämlich jüdisches Wissen, und sie werden dafür von uns andere Bildung, Profanwissen eintauschen, dessen sie bedürfen.

Es ist ein reges Geistesleben, das dort im Osten pulsiert, eingeengt zwar durch die Ghettoschranken, erdrückt fast von der dumpfen Ghettoluft, aber doch Geistesleben, das nur eines frischen Luftzuges bedarf, um neu aufzuleben. All das Elend ist abzuwerfen, von aller Not sind die Armen zu erlösen durch ein Mittel: durch Heimaterde und kühle, klare Jordanflut....

Jüdische Frauen! Wollt Ihr Eure Brüder erlösen? Dann schafft ihnen Heimatboden!

Und nun fragt Ihr mich: Ist es denn wirklich möglieb, unser Volk zu verpflanzen in gesunde Heimaterde, reichen denn unsere Kräfte aus und will das Volk? Jüdische Frauen, Ihr Eures Stammes Stolz und Zierde, Eure Kräfte genügen und Euer Volk will. Es will! Der Volkswille ist die treibende Kraft der Zionsbewegung. Und Ihr fragt, wie sieh dieser Volkswille äussert? Ich will es Euch sagen. Wir Westjuden — was wir fühlen, ist halb und unklar wie wir selbst, denn durch unsere Seele geht ein grosser Riss, der unsere Seele teilt zwischen Volk und Westkultur — aber dort im Osten, dort leben noch die ganzen Juden, die fragt! Fragt das Kind auf der Gasse und es jauchzt: Zion! Fragt den bleichen Jüngling, den Studenten, was er bei Tage sinnt, wohin nachts seine Träume fliegen? Zion! Und der alte Mann am Stabe betet müde: Lass meine Augen schauen, wenn du nach Zion heimkehrst, dort zu wohnen ...

Das ist Volkswille, echt und wahr! Er ist der Ausfluss unverbrauchter Kraft, die im Volke lebt und nach Betätigung ringt. Mit ihnen wollen wir Fühlung suchen.

Dann liegt es uns ob, die Sprache zu pflegen, die unsere Söhne einst in der Heimat sprechen sollen, wie überhaupt alles kennen zu lernen, was volkstümlich ist.

Das ist mein Traum: die neue jüdische Frau ihre Kinder lehrend.... das wird die junge Generation innig an den alten Stamm binden, dass sie aus ihrer Mutter Mund ihr Wissen hat. Und keines jungen Juden Mund wird mehr sein Volk verspotten und kein junger Jude mehr seinen Stamm verlassen, denn er wird wissen: meine Mutter lehrte mich! Sie wird mit ihnen die heiligen Nationalfeste feiern, ihnen von den Taten der Ahnen erzählen und der Bedeutung der Feste für uns. Das soll für unsere Zeit eine zweifache sein, eine seelige Erinnerung und zugleich ein stummes Mahnen. Am Chanukah wollen wir die Kinder hin zum Leuchter führen und ihnen erzählen von Jehuda Makkabi und von seinem Heldentode. Statt des Tannenbaumes werden die Menorahlichter leuchten. Zwar werden sie nicht so lustig flackern wie die Weihnachtskerzen — sie strahlen ruhig, aber dafür machen sie Herz und Seele frei und weit und geben dem Suchenden Halt. Und keinen Choral wird man singen, sondern unser Siegeslied. Das ist alt! Durch tausend Goluthjahre klingt es, und es ist, als ob aller Lichterglanz von viel tausend Weihefesten in der kleinen Melodie flammte. Und zugleich mit dieser uralten Weise werden wir auch die Volkslieder singen, die im Volk im Osten leben. Mögen es auch wohl manchmal nur Nachahmungen fremder Volksmotive sein — es weht doch eine köstliche Frische und viel Kraft aus dieser schlichten Musik. Dieses grosse Material verschwindender Volkslieder ist wohl wert gehütet zu werden. Sie hüten und pflegen soll das jüdische Haus, das eine Pflanzstätte wahren nationalen Lebens werden muss, unser Jungbrunnen, in den wir nach Tageslast und Mühen hineintauchen können.

Doch nicht allein mit geistiger Arbeit erfüllen wir alle Pflichten gegen unseren Stamm, sondern das erwachende Volk verlangt von den Müttern der jungen Generation, dass sie auch ihren Körper pflegen, ihn durch Sport und Turnen kräftigen und ausbilden, und auch ihre Kinder zu vernunftgemässer Körperpflege anhalten.

Damit jedoch ist die Tätigkeit der jüdischen Frau noch nicht erschöpft. Eine Aufgabe harrt unserer noch, würdig der Anstrengungen, die sie erfordert. Die Agitation für den Fonds! Der Nationalschatz des jüdischen Volkes enthält die Mittel, bezw. soll einst die Mittel enthalten, durch die unser Stamm seine' Heimaterde zurückgewinnt. Denn mit dem Tage, an dem der völkerrechtlich bestätigte Charter des Sultans uns Palästina erschliesst, gehören uns wohl die Hoheitsrechte dieses Landes, aber die in Privatbesitz befindlichen Ländereien müssen auch erst privatrechtlich erworben werden und dazu gehört Geld, viel Geld. Da soll aus den Juden, die bisher ein Handelsvolk waren, nach Nordaus Wort ein handelndes Volk werden, eine Nation, die ihre Gegenwart versteht und zielbewusst der Zukunft zustrebt.

Jüdische Frauen, von Euch sang unser Dichter einst: "Ein Biederweib, wer findet es? weit über Peden geht sein Wert .... sieh, nimmer rasten ihre Hände, was ihr Herz begehrt, erwirbt sie sich; will sie einen Weinberg, so kauft sie ihn durch ihrer Hände Fleiss ...

Schwestern, wir wollen, und unser ganzes Volk-will — kaufen wollen wir den heiligen Boden Kanaans, der gedüngt ward in heissen Schlachten mit geweihtem Ahnenblut.

Das ist die Waffe, mit der wir unser Land erobern wollen: das Geld. Feierlich in ernstem Kampfe. Da werden nun die Leute spotten: "Seht her die Zionsritter vom Geldsack, seht ihre Burgfrauen," doch ihr Hohn kann uns nicht rühren, wir wollen unentwegt unseren Brüdern und Gatten Waffen schmieden helfen in treusorgender Liebe.

Wir verlangen keine grossen Opfer von Euch, Ihr Frauen, wir wollen den Pfennig, nicht den Taler. Aber den Pfennig als heilige Steuer. Von überall her. — Denkt Euch: Ihr, im Herzen der westlichen Zivilisation, Ihr im Osten, in Russland und Galizien, gebt den Pfennig, aber auch der kriegerische Jude im Kaukasus und der braune Sohn Judas am Ganges, und der Jemenit, der Arabiens Wüsten durchstreift, der Jude im Kapland, tief unten in Südafrika und der Kolonist in Erez-Israel ....

Das wird den Pfennig heilig machen, dass ihn so viele geben und die sammelnden Frauenhände werden ihn weihen. In unseren Häusern werden die Büchsen sein, in denen wir das Geld bewahren; und die Kinder werden lernen, dass jeder Heller gleichsam ein Samenkorn ist, das blühen wird und Früchte tragen auf der Muttererde heiligem Boden.

Und die Kleinen werden lauschen . . . und fragen . . . Dann sprich zu ihnen: Von unserer Liebe und von unserer Not. Und dass aus Not und Liebe unsere Hoffnung geboren wurde. Erzähle ihnen von Deinem Sammelwerk und sie werden dir helfen wollen. Auch die Kinder sind dann Ritter des Volkes. Wenn ein Kindermund lieblich bittet, wird auch der hochfahrendste Sinn nicht nein sagen, und leichter streckt sich die härteste Hand aus, um in weiche Kinderfinger ihre Gaben zu legen. Die Kinder aber werden durch die Gabe nicht entwürdigt, sondern geweiht.

Im Haushalt der frommen Frauen werden alljährlich grössere und kleinere Summen zum Ablösen der Challoh gegeben, Gelder, die für die Armen Palästinas verwendet werden sollen. Doch der Weg ist weit und Eure Summe wandert durch viele Hände — da bleibt nicht viel zurück. Legt Eure Gelder nur in unsere Büchsen und nicht ein Heller bleibt unverwendet für die Armen, denn alle Armen Israels sollen Anteil an Erez-Israel haben. Sammelt auch bei Eueren Freunden, keiner wird Euch eine Gabe versagen. Und so heisst es in unseren alten Büchern: "Grösser wird der Lohn der Sammler sein als der der Geber, denn ihrer war die grössere Last." Darum sammelt mit Fleiss und Ausdauer.

Die Frauen aller jener Völker, die die neue nationale Werdezeit zum Leben erwachen lägst, erfüllen jene Pflichten, um die ich, um die Euer Stamm bittet, — sollen Judas Frauen müssig harren?

Nimmermehr! Der alte Biederweibsinn wird neu erstehen und unserem Schaffen junges Leben geben.

An allen jüdisch-sozialen Bestrebungen der Gegenwart wollen wir weiter innig Anteil nehmen. Noch nie sah die jüdische Geschichte eine Epoche von gleicher Wichtigkeit wie die jetzige, nie war die Mitarbeit der Frau, verständnisvoll und intensiv, so notwendig wie jetzt. Überall gebraucht man sie. Da sind z. B. die Volksbildungsstätten, die Toynbee-Hallen. Die gilt - es durch tätige Mitarbeit zu unterstützen, dafür zu sorgen, dass die nationale Kultur in ihnen gepflegt werde und blühendes nationales Leben von ihnen ausgehe.

Aber vor allem gilt es, die arbeitenden Schwestern zu organisieren, ihnen im Lebenskampf zur Seite zu stehen. Überall wo Jüdinnen wohnen, sollen Heime entstehen, die die Mädchen aufnehmen, wo sie im Verkehr mit gebildeten Frauen aller Stände ihre Volkszugehörigkeit innewerden, wo ihnen Rat, Hilfe und geistige Anregung geboten wird. Dann wird uns aus allen Kreisen des Volkes ein junger Nachwuchs entstehen, der treu zu unserem Banner hält, dem Banner, das geweiht wurde durch die Tränen der Zehntausende, als unser Herzl darunter ruhte zum letzten Mal.

Nun mein letztes Wort!

Organisiert Euch, schliesst Euch fest zusammen, eine an der anderen Halt und Stütze suchend, eine der anderen Halt und Stütze bietend. Schliesst Euch zusammen und Eure Kräfte werden zehnfach sein!

Und es wird die Liebe Israels, Eures Stammes, mit Euch sein bei Eurem Tun und der Segen Eurer Ahnen auf allen  Euren Wegen.

Erwartungsvoll blickt Euer Volk auf Euch und harrt Eurer Beschlüsse. Es grüsst Euch, Ihr Frauen, als seine Helfer, die Volksbefreier, die Jugendbildner, seinen Stolz und seine Hoffnung!

in: Lazar Schön (Hrsg.): Die Stimme der Wahrheit. Jahrbuch für wissenschaftlichen Zionismus. Erster Jahrgang, Würzburg 1905, S. 334-339.

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